Mottoziele sind Haltungsziele, bei denen es nicht um ein bestimmtes Ergebnis geht, sondern eher um ein bestimmtes Tun oder Erleben, oder eine bestimmte Haltung, die der Coachee einnimmt.
Theorie: Was sind Mottoziele im Gegensatz zu smarten Zielen?
Die Unterscheidung zwischen spezifischen Ziele einerseits und komplexen Zielen, Mottozielen oder Haltungszielen andererseits ist zentral für die Auswahl passender Interventionen. Für spezifische Ziele eignet sich das Coaching-Tool Smarte Ziele, das den Coachee dabei unterstützt, eigene Ziele zu erreichen. Die Spezifizierung des Ziels bzw. der konkreten Vorgehensweise kann bei komplexen Zielen aber unter Umständen sogar die Wirksamkeit des Coaching beeinträchtigen. Komplexe Ziele beziehen sich nicht auf ein konkretes Verhalten. Hier geht es um eine Haltung oder eine Einstellung. Sie können Mottoziele genannt werden. Sie haben keine eindeutige Lösung, es gibt daher nicht ein bestimmtes Verhalten, das zu einem Ziel wird. Vielmehr gibt es viele unterschiedliche Strategien und Verhaltensweisen, mit denen der Coachee das Ziel erreichen kann. Bei Mottozielen geht es in der Regel auch nicht um ein bestimmtes Ergebnis, das erreicht werden solle. Oft steht das Tun und Erleben im Vordergrund.
Beispiele für Mottoziele sind
- Ich genieße die Balance zwischen Arbeiten und Entspannen.
- Ich arbeite frei und selbstbestimmt.
- Ich bin ich.
- Ich lebe im Hier und Jetzt.
- Ich bin glücklich und mit mir im Reinen.
Mottoziele hängen eng mit Werten zusammen. Sie übersetzen Werte in ein konkretes Verhalten. Meistens sind mehrere Werte eines Menschen in einem Mottoziel kombiniert.
Ziele auf unterschiedlichen Ebenen
Die Construal Levels Theory beschreibt, wie die Vorstellung eines Konzeptes und dessen Abstraktion mit der psychologischen Nähe zusammenhängt. Psychologische Nähe meint dabei sowohl die zeitliche und räumliche, als auch die soziale Dimension. Ein Urlaub in den Bergen, zu dem Sie morgen früh gemeinsam mit Freunden aufbrechen werden, ist Ihnen psychologisch nahe. Ein Flug zum Mars in 50 Jahren mit Ihnen jetzt noch unbekannten Mitfahrenden ist Ihnen psychologisch fern. Psychologische Nähe führt dabei zu einer konkreten Vorstellung („Ich muss eine Zahnbürste einpacken.“), psychologische Ferne eher zu einer abstrakten Vorstellung („Freiheit und Unendlichkeit“).
Das lässt sich auf Ziele übertragen: Ziele können sich auf unterschiedliche konzeptuelle Ebenen beziehen. Auf einer hohen konzeptuellen Ebene geht es um die übergeordnete Bedeutung, um abstrakte Konzepte und Ideen. Hier handelt es sich um Mottoziele, die eine globale Bedeutung haben. Auf einer niedrigen konzeptuellen Ebene geht es um konkrete, spezifische Ziele, aus denen sich ein konkretes Verhalten ergibt. Dabei verändert sich mit der konzeptuellen Ebene eines Ziels und der damit verbundenen mentalen Repräsentation des Ziels die psychologische Distanz zu einem Ziel.
Sie können das Arbeitsblatt Lebensrad herunterladen, das Ihr Coachee nutzen kann, um in unterschiedlichen Lebensbereichen (z.B. Beruf, Beziehung, Finanzen) eine Bestandsaufnahme zu machen. Im nächsten Schritt kann der Coachee dann entscheiden, in welchen Bereichen er sich eine Veränderung wünscht. Auf dieser Basis können Haltungsziele erarbeitet werden.
Für Ziele auf einer konzeptuell hohen Ebene kommt mehr Selbstkontrolle ins Spiel
Das Verblüffende: Für Ziele auf einer konzeptuell hohen Ebene kommt mehr Selbstkontrolle ins Spiel. Während sich bei konkreten Zielen das Verhalten oft direkt aus der Situation ergibt, hat der Coachee bei abstrakten Zielen einen höheren Gestaltungsspielraum und nimmt sich selbst deshalb stärker als aktiv Handelnden wahr. Auch wenn Ziele auf dieser Ebene psychologisch fern sind, also räumlich und zeitlich noch nicht greifbar sind, hat der Coachee das Gefühl, selbst entscheiden zu können. Auch ein psychologisch fernes Ziel kann also ein heißes Ziel sein.
Wenn es im Coaching um komplexe Ziele geht, aus denen sich nicht direkt eine konkrete Verhaltensweise oder Strategie ergibt, ist es hilfreich zunächst an dem Mottoziel zu arbeiten und der zugrunde liegenden Haltung. Im nächsten Schritt ergeben sich daraus spezifische (Teil-) Ziele, die mit Hilfe von Wenn-Dann-Plänen dann in konkretes Verhalten umgesetzt werden. Mottoziele und spezifische Ziele (Smarte Ziele) sind kein Gegensatz, sondern ergänzen sich gegenseitig. Dasselbe Ziel kann auf unterschiedlichen Ebenen repräsentiert sein. Es erhöht deshalb die Wirksamkeit eines Coachings, wenn auf allen drei Ebenen der Zielpyramide (Haltung, Ergebnis, Verhalten) mit jeweils unterschiedlichen Methoden gearbeitet wird.
Ziel-Pyramide als Methode nutzen
Mottoziele aktivieren beim Coachee verfügbare Ressourcen. Bereits die Arbeit an der stimmigen Formulierung eines Mottoziels kann deshalb der zentrale Schritt zum Erreichen eines Ziels sein. Das Mottoziel das Sie gemeinsam mit dem Coachee erarbeitet haben, unterscheidet sich oft vom Ziel, mit dem der Coachee in das Coaching gekommen ist. Dann verändert sich möglicherweise der ursprüngliche Auftrag den Coachee an den Coach hatte. Als Coach sollten Sie das transparent machen, sonst kann es sein, dass der Coachee nach dem Coaching zunächst nicht die konkreten Strategien und Ideen „in der Tasche“ hat, die direkte Auswirkung auf den Alltag haben und unzufrieden ist.
Coaching-Tool: Mottoziele
Dieses Tool basiert auf dem Zürcher Ressourcenmodell. Das Modell ist als Gruppentraining konzipiert, wird aber auch im Einzel-Coaching eingesetzt. Dabei werden kognitive, emotionale und physiologische Aspekte in die Arbeit an Ziele einbezogen.
1. Einstieg in die gemeinsame Arbeit
Sie sind zu zweit – Coach und Coachee. Der Coach exploriert auf Basis weniger Fragen den Coaching-Auftrag und das Ziel des Coachings. Hier geht es noch nicht um die konkrete Arbeit am Ziel, sondern zunächst nur um einen ersten Einstieg ins Thema. Dabei sollte der Fokus auf der Exploration und Klärung des gewünschten Ziels liegen, nicht auf der Analyse des Problems.
Der Coachee sucht sich aus einer Reihe vorgegebener Bildkarten oder Fotos (z.B. sinn.bilder) zwei bis drei Karten aus, die ihn jetzt in diesem Moment positiv ansprechen.
Ich habe hier eine Reihe von Postkarten für sie vorbereitet. Betrachten sie die Postkarten und suchen sich eine aus, die ihnen gefällt. Nehmen sie die Karte, die ihnen jetzt gerade spontan anspricht. Lassen sie sich überraschen, welche Karte jetzt für sie die richtige ist.
Die Auswahl der Karten sollte intuitiv und spontan erfolgen. Es geht hier um das Wahrnehmen positiver somatischer Marker und nicht um eine bewusste oder strategische Auswahl. Der Coachee wird in diese Phase anregt, positive Affekte wahrzunehmen um diese im Nächsten Schritt als Ressource nutzen zu können.
2. Was könnte dieses Bild für mich bedeuten?
Im nächsten Schritt assoziiert der Coachee frei zu den ausgewählten Bildern unter der Leitfrage: “Was könnte dieses Bild für mich bedeuten?” oder “Was könnte das Bild in Bezug auf mein Ziel bedeuten?”
Der Coach achtet darauf, dass der Coachee ausschließlich ressourcenorientierte und positive Assoziationen äußert und bietet ggf. alternative Vorschläge an. Der Coach beteiligt sich an der Assoziation und unterstützt den Coachee. Ziel dieser Phase ist, Idee zu sammeln. Das Zürcher Ressourcenmodell verwendet dafür den Begriff des Ideenkorbs. Dabei kann es hilfreich sein, wenn der Coach für den Coachee Notizen anfertigt.
Der Coachee hat die Aufgabe darauf zu achten, welche Assoziationen ein positives Gefühl hervorrufen oder verstärken, und wählt entsprechende Begriffe, “Satzfetzen” oder Sätze aus. Es lohnt sich mehrere ähnliche Formulierungen, Sätze oder Satzteile auszuprobieren, und so neue Ideen zu generieren.
Im diesem Schritt geht es darum, Themen zu identifizieren, die gerade aktuell sind (sogenannte current concerns). Diese haben oft auf den ersten Blick gar nichts mit dem ursprünglich formulierten Ziel zu tun, und müssen auch nicht als Ziel formuliert oder verstanden werden.
3. Formulieren eines Haltungsziels
Jetzt wird aus den Assoziationen aus Schritt 2 ein Haltungsziel formuliert. Anders als bei der Methode der Smarten Ziele geht es in diesem Schritt noch nicht um die Konkretisierung des Ziels. Coach und Coachee arbeiten solange an der Formulierung des Zielsatzes, bis der Coachee zufrieden ist. Dabei sind folgende Kriterien wichtig:
- Das Ziel ist als Annäherungsziel, nicht als Vermeidungsziel formuliert.
- Das Ziel liegt vollständig in der Verantwortung des Coachees und hängt nicht von der Umwelt oder anderen Personen ab.
- Das Ziel löst einen eindeutigen positiven somatischen Marker aus.
Der Coach achtet darauf, dass diese Kriterien erfüllt sind und erläutert sie wenn nötig dem Coachee. Das Ziel wird so lange verändert und umformuliert, bis alle drei Kriterien erfüllt sind. Der Coachee kann den Coachee mit Vorschläge und Ideen unterstützen, der Coachee wählt aus, was passend ist.
Ob der Zielsatz einen positiven somatischen Marker auslöst, nehmen Coachee nach etwas Übung in der Regel direkt und deutlich wahr. Auch äußerlich wahrnehmbare Veränderungen zeigen meistens deutlich an, ob sich beim Coachee ein positives Gefühl einstellt oder nicht (Lachen, strahlende Augen, aufrechte Haltung, Veränderung der Atmung, der Gesichtsfarbe oder der Körpersprache). Der Coach kann, wenn nötig dem Coachee seine eigene Wahrnehmung (äußerlicher Veränderungen) schildern und ihn so unterstützen, aufmerksam auf somatische Marker zu achten.
Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.
Antoine de Saint-Exupery
4. Handlungsintensionen formulieren
In den nächsten beiden Schritten wird das Haltungsziel in konkrete Handlungsintentionen übersetzt. Hier findet der Übergang von der Planungs- in die Handlungsphase statt (Rubikon-Modell). Dazu werden im dritten Schritt zunächst ressourcenbezogen Erinnerungshilfen erarbeitet, die für das Erreichen des Haltungsziel notwendig sind. Coachee sammelt innere und äußere Reize, die in Zusammenhang mit dem Ziel stehen und darauf hindeuten, dass das Haltungsziel erreicht ist. Dabei kann es sich um konkrete und wirklichkeitsnahe Reize handeln (z.B. Ich trage eine Krawatte und stehe aufrecht da. Es riecht nach Meer und frischer Luft. Ich habe Herzklopfen und fühle mich lebendig. Ich sehe das Bild von einem Tiger an der Wand meines Büros.) oder um phantasievolle und vorgestellte (z.B. Ein Gefühl, als ob mir Flügel wachsen würden. Auf meiner Schulter sitzt eine Fee und lächelt mich an. )
Der Coach kann dem Coachee das Haltungsziel einige Male vorlesen und dann Erinnerungshilfen erfragen. Dazu kann es hilfreich sein, dass der Coachee sich mental in eine Situation hineinversetzt, in der das Haltungsziel zum Tragen kommt und die Wirkung des erreichten Ziels erlebbar ist.
Wenn Sie an ihr Ziel denken …
- Was könnte sie daran erinnern, dass sie ihr Ziel erreicht haben?
- Was können sie um sich herum wahrnehmen?
- Was fällt ihnen als Erstes ins Auge? Was sehen sie? Was hören sie?
- Was fällt Ihnen noch ein?
Der Coach notiert für den Coachee die wichtigsten Erinnerungshilfen. Er kann eigene Ideen einbringen, um den Coachee zu unterstützen. Der Coachee wählt aus, was im Bezug auf das Ziel passend und hilfreich ist. Besonders wirksame Erinnerungshilfen (Embodiement sind Körperwahrnehmungen, z.B. ein aufrechter Gang, ein warmes Gefühl im Bauch, eine bestimmte Haltung oder Bewegung).
In diesem Schritt nutzt der Coachee die Eigenschaft des Gehirns (Plastizität), neue neuronale Strukturen nicht nur durch Training und Übung zu bilden, sondern auch durch sogenannte Priming-Prozesse. Dabei werden bestimmte äußere oder innere Reize (z.B. ein Geruch, ein Handbewegung, ein inneres Bild oder eines, das der Coachee auf dem Schreibtisch stehen hat) mit dem Haltungsziel verknüpft. Als Erinnerungshilfen unterstützten sie die Coachee beim Initiieren konkreter Handlungen, die beim Erreichen des Ziels unterstützen (Selbst-Konditionierung).
5. Trainieren der Handlungsintentionen
Im letzten Schritt werden mithilfe der Erinnerungshilfen zwei Situationen beispielhaft vorbereitet. Der Coachee spielt dazu mental mögliche Verhaltensweisen. Als Erstes sucht sich der Coachee eine Situation aus, in der das Haltungsziel sich bereits verwirklichen lässt. Es kann sich um ein tatsächlich erlebte Situation handeln oder um eine Situation, die in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit so geschehen wird. Der Coachee versetzt sich mental kurz in diese Situation hinein und erlebt die Wirkung der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Das verstärkt die Selbstwirksamkeitserwartung des Coachees.
Als Zweites stellt sich der Coachee eine Situation vor, in der es schwierig sein könnte, das Haltungsziel zu verwirklichen und bereitet mögliches Verhalten vor. Es sollte sich dabei um eine konkrete Situation handeln, die in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten wird, also vorhersehbar und planbar ist. Dazu überlegt der Coachee genau, welche äußeren und inneren Reize in einer bestimmten Situation wahrnehmbar sind und welche konkrete Verhaltensweise zur Verwirklichung des Haltungsziels beitragen könnten.
Das Coaching Tool „Wenn-Dann Pläne“ kann als Erweiterung genutzt werden, entweder als sechsten Schritt zu Ergänzung oder an Stelle des fünften Schrittes.
Um den Transfer zu sichern, kann am Ende dieses Coaching-Prozesses eine Integrationsphase stehen, in der Coachee sich z.B. auf einer am Anfang ausgesucht Bildkarten einige Notizen zum bisherigen Coaching-Prozess macht oder sich die wichtigsten Erinnerungshilfen notiert.


