Wertequadrat: Anleitung, Beispiel und Coachingübung
Mit dem Wertequadrat Stärken bewahren und ergänzende Qualitäten entwickeln: vollständige Coachingübung, Beispiel, Vier-Felder-Vorlage und Reflexionsfragen.
Foto: Michaela J / Unsplash.
Gründlichkeit ist eine Stärke. Wenn Sie jedoch jede Entscheidung so lange absichern, dass nichts mehr vorangeht, fehlt möglicherweise eine ergänzende Qualität. Das Werte- und Entwicklungsquadrat hilft, beides zu betrachten: Was möchten Sie bewahren, und was möchten Sie zusätzlich entwickeln?
Die folgende Anleitung verbindet das Modell mit einem Beispiel, einer Vier-Felder-Vorlage und einer vollständigen Coachingübung. Sie dient der Reflexion und Handlungsplanung. Sie ist kein Persönlichkeitstest und kein Nachweis dafür, dass jedes problematische Verhalten nur auf einer übertriebenen Stärke beruht.
Was ist das Werte- und Entwicklungsquadrat?
Im Modell werden zwei positive Qualitäten nebeneinandergestellt, die sich ergänzen. Unter jeder steht ihre mögliche Übertreibung. Schulz von Thun spricht dabei von einer „entwertenden Übertreibung“: Gemeint ist die problematische Ausprägung einer Qualität, keine Abwertung der Person. Die Entwicklungsrichtung führt diagonal von der Übertreibung zur ergänzenden positiven Qualität.
Die historischen Grundlagen reichen zu Nicolai Hartmann (1926) und Paul Helwig (1967) zurück. Friedemann Schulz von Thun verband das Quadrat 1989 mit dem Entwicklungsgedanken für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung. Eine Erläuterung bietet das Schulz von Thun Institut.
Für die praktische Arbeit bedeutet das: Sie suchen einen passenden Ergänzungswert für eine konkrete Situation. Es gibt nicht für jeden Begriff genau einen universell richtigen Gegenwert. Was Sie als hilfreich oder übertrieben erleben, hängt auch von Ihren Maßstäben, dem Kontext und den Folgen des Verhaltens ab.
Beispiel: Robert und Clara planen ihren Urlaub
Im folgenden fiktiven Beispiel ist Robert Sicherheit wichtig. Er möchte die Reise gut vorbereiten und dafür sorgen, dass es seiner Familie gut geht. Clara schätzt Freiheit und Unabhängigkeit. Sie würde gern mit einem Wohnwagen unterwegs sein und spontan entscheiden, wo sie bleibt.
Die beiden müssen nicht zwischen Sicherheit und Freiheit wählen. Ein verlässliches Budget und geeignete Ausrüstung können spontane Entscheidungen sogar erleichtern. Mehr Freiheit bedeutet deshalb nicht automatisch weniger Sicherheit. Die Frage lautet: Welche Vorbereitung ist sinnvoll, und wo darf der Plan offenbleiben?
Robert bemerkt, dass er auch unwichtige Einzelheiten immer wieder kontrolliert. Er möchte diese starre Absicherung verändern. Für ihn könnte das Quadrat so aussehen:
| Linke Seite: Vorbereitung | Rechte Seite: Beweglichkeit |
|---|---|
| Oben links – positiver Wert: Sicherheit durch vorausschauende Planung |
Oben rechts – ergänzender Wert: Freiheit und Offenheit für spontane Möglichkeiten |
| Unten links – mögliche Übertreibung: Starre Absicherung, die Entscheidungen blockiert |
Unten rechts – mögliche Übertreibung: Unverbindlichkeit und Missachten nötiger Vorsorge |
Roberts Entwicklungsrichtung: von unten links nach oben rechts – von starrer Absicherung zu mehr Offenheit. Seine vorausschauende Planung darf dabei erhalten bleiben. Für Clara könnte eine Entwicklung in die andere Richtung sinnvoll sein, falls sie nötige Absprachen übergeht: von unten rechts nach oben links.
Das ist eine mögliche Deutung, keine Beschreibung der Persönlichkeit beider Personen. Clara könnte als Ergänzung zu Freiheit auch Verantwortung, Geborgenheit oder Rücksichtnahme wählen. Entscheidend ist, was in ihrer konkreten Situation passt.
Warum der Entwicklungspfeil diagonal verläuft
Zeichnen Sie in das Beispielquadrat einen Pfeil für Roberts Entwicklung. Vergleichen Sie anschließend drei Möglichkeiten:
- Von starrer Absicherung zu Unverbindlichkeit: Robert würde ein problematisches Extrem durch ein anderes ersetzen. Wichtige Vorsorge ginge verloren.
- Von starrer Absicherung zurück zu sinnvoller Sicherheit: Das kann beschreiben, was er bewahren möchte. Es sagt aber noch wenig darüber, welches zusätzliche Verhalten ihm aus der Blockade hilft. Noch mehr Planung allein wäre hier keine Lösung.
- Von starrer Absicherung zu Offenheit: Robert könnte üben, begrenzte Entscheidungen offenzulassen und auf neue Informationen zu reagieren. Die sinnvolle Vorbereitung bleibt die Grundlage.
Zum Beispiel vereinbaren Robert und Clara Budget, Anreise und die erste Übernachtung. Für den nächsten Tag wählen sie zwei mögliche Ausflüge und entscheiden erst nach dem Frühstück. Dieses Vorgehen muss zu ihren tatsächlichen Bedürfnissen und Rahmenbedingungen passen; es garantiert keinen konfliktfreien Urlaub.
Coachingübung: Das eigene Wertequadrat erstellen
1. Ein Anliegen und bis zu drei Werte auswählen
Benennen Sie eine konkrete Situation, in der Sie etwas verändern möchten. Sie können mit einem wichtigen Wert beginnen oder mit einem Verhalten, das Sie stört. Wählen Sie zunächst einen bis drei Werte; für jeden entsteht ein eigenes Quadrat. Nutzen Sie bei Bedarf die Werteliste oder Ihre Wertehierarchie.
Im Coaching schreibt der Coach die Begriffe auf Karten oder direkt in die Vorlage. Die gecoachte Person entscheidet, ob eine Formulierung passt. Schreiben Sie die Situation über das Quadrat, damit Sie nicht unbemerkt zwischen Beruf, Partnerschaft und anderen Lebensbereichen wechseln.
2. Eine mögliche Übertreibung anschaulich machen
Fragen Sie zu jedem Wert: „Wie könnte es aussehen, wenn diese Qualität einseitig und ohne passende Ergänzung zum Einsatz kommt?“ Sie dürfen ein extremes, ausgedachtes Beispiel formulieren. Aus Genauigkeit könnte etwa werden: „Ich korrigiere eine unbedeutende Formulierung zehnmal, während die Abgabefrist verstreicht.“
Humor darf helfen, solange sich die beteiligte Person damit wohlfühlt. Das Beispiel soll ein Verhalten verdeutlichen, niemanden lächerlich machen. Notieren Sie es ausdrücklich als mögliche Übertreibung. Es muss nicht auf Ihr tatsächliches Verhalten zutreffen.
3. Mit der eigenen Erfahrung vergleichen
Prüfen Sie nun, ob und wann Sie eine solche Einseitigkeit wirklich erleben:
- Was bedeutet das konkret? Was tue oder sage ich?
- Wie wirkt sich das auf mich, andere Menschen und die Aufgabe aus?
- Was möchte ich daran ändern?
- Welches nachvollziehbare Anliegen könnte dahinterstehen?
Die letzte Frage sucht eine mögliche positive Absicht. Sie setzt sie nicht voraus. Vielleicht möchten Sie Fehler vermeiden, dazugehören oder eine Zusage einhalten. Vielleicht erklärt eine fehlende Information oder eine unklare Zuständigkeit das Verhalten besser. Eine verständliche Absicht macht schädliche Folgen nicht automatisch akzeptabel.
4. Alle vier Felder ausfüllen
Nutzen Sie folgende Reihenfolge und prüfen Sie jeden Begriff an Ihrem Beispiel:
- Oben links: Welcher positive Wert oder welche Stärke soll erhalten bleiben?
- Unten links: Wie sieht die problematische Übertreibung dieser Qualität aus?
- Oben rechts: Welche andere positive Qualität könnte sie ergänzen? Formulieren Sie mehr als nur „weniger davon“.
- Unten rechts: Welche Übertreibung der ergänzenden Qualität möchten Sie ebenfalls vermeiden?
Sie können den Ergänzungswert auch über den Umweg des anderen Extrems finden: „Was wäre eine unpassende Gegenreaktion?“ Bei starrer Absicherung wäre das beispielsweise, ohne jede Vorsorge loszufahren. Fragen Sie anschließend, welcher konstruktive Kern in dieser Gegenrichtung steckt – etwa Offenheit. Prüfen Sie dann erneut, ob die beiden oberen Begriffe tatsächlich positiv und miteinander vereinbar sind.
Zeichnen Sie den Entwicklungspfeil von Ihrer problematischen Ausprägung diagonal zum ergänzenden positiven Wert. Wenn Sie von einem unerwünschten Verhalten ausgegangen sind, suchen Sie zunächst vorsichtig nach einem Wert, den Sie bewahren möchten. Passt diese Deutung nicht, erzwingen Sie kein Quadrat.
5. Eine konkrete Veränderung erproben
Stellen Sie sich die Ausgangssituation erneut vor. Was würden Sie mit der ergänzenden Qualität anders tun oder sagen? Beantworten Sie die drei Abschlussfragen:
- Wie kann das hilfreiche Anliegen des bisherigen Verhaltens auch in der neuen Handlung berücksichtigt werden?
- Wie fühlt sich diese Möglichkeit für mich an? Was wirkt stimmig, ungewohnt oder noch unpassend?
- Was ist durch die Arbeit am Quadrat klarer geworden, und was möchte ich tatsächlich verändern?
Ein Gefühl ist dabei eine Rückmeldung, kein Beweis für die richtige Lösung. Prüfen Sie auch Folgen, Ressourcen und Absprachen. Formulieren Sie einen kleinen Versuch: „Wenn die Situation … eintritt, werde ich …“. Legen Sie fest, wann Sie zurückblicken und woran Sie eine hilfreiche Veränderung erkennen. Die Transferplanung unterstützt diesen Schritt.
Vorlage für Ihre eigenen Notizen
Zeichnen Sie ein Quadrat mit vier Feldern und übernehmen Sie die Beschriftungen aus dem Beispiel. Ergänzen Sie darunter:
- Meine konkrete Situation: …
- Das möchte ich bewahren: …
- Dieses beobachtbare Verhalten möchte ich verändern: …
- Mein ergänzender Wert und eine passende Handlung: …
- Dieses andere Extrem möchte ich vermeiden: …
- Mein Versuch bis zum nächsten Rückblick: …
- Was tatsächlich passiert ist und was ich daraus lerne: …
Im Coaching können Sie nach dem Versuch prüfen: Ist das hilfreiche Anliegen erhalten geblieben? Hat sich das Verhalten verändert? Welche Rückmeldung gab es? Muss die Handlung angepasst werden? Wenn vor allem äußere Anforderungen im Konflikt mit Ihren Werten stehen, kann die Arbeit an Wertekonflikten passender sein.
Häufige Fragen
Muss ich einen wichtigen Wert aufgeben?
Nein. Die Übung fragt, welche zusätzliche Qualität Sie brauchen, damit Ihre bisherige Stärke in der konkreten Situation hilfreich bleibt. Sie müssen nicht sämtliche Werte neu ordnen.
Gibt es zu jedem Wert einen festen Gegenwert?
Für die praktische Arbeit wählen Sie eine passende Ergänzung im jeweiligen Kontext. Zu Freiheit kann beispielsweise Verantwortung, Verbindlichkeit oder Geborgenheit passen. Die Wahl braucht eine persönliche Begründung und ein konkretes Beispiel.
Ist jede Schwierigkeit eine übertriebene Stärke?
Nein. Das ist eine mögliche Perspektive, keine allgemeingültige Erklärung. Fehlende Fähigkeiten, widersprüchliche Aufträge oder reale Einschränkungen können andere Schritte erfordern.
Wie verlässlich ist das Ergebnis?
Das Quadrat ordnet Ihre Deutungen und liefert eine Arbeitshypothese. Ob eine neue Handlung hilfreich ist, zeigt sich im Ausprobieren und im Gespräch über ihre Folgen. Eine Erfolgsgarantie lässt sich daraus nicht ableiten.
Quellen und Einordnung
Schulz von Thun, F. (1989): Miteinander reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Rowohlt. Die aktuelle Darstellung des Schulz von Thun Instituts erläutert das Modell und seine Vorgeschichte. Die Coachingfragen, Notizvorlage und Reisevereinbarung dienen hier der praktischen Anwendung; sie sind kein eigenständiger wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis.
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