Emotionsfokussiertes Coaching als Chance für hochwirksame Interventionen

Im Fokus steht die Arbeit mit den Emotionen des Coachee. Ziel ist es adaptive Emotionen zu nutzen, um selbstbestimmt und zielführend handeln zu können, und maladaptive Emotionen, die belastend wirken, zu erkennen und zu transformieren.

Was ist die Emotionsfokussierte Therapie?

In der emotionsfokussierten Therapie (EFT) steht die Arbeit mit emotionalen Prozessen im Vordergrund. Emotionen werden genutzt, um das eigene innere Erleben und die eigene Person besser zu verstehen. Gleichzeitig sind sie Quelle von Veränderung. Die zentrale Idee ist, die Klienten dabei zu unterstützen, dysfunktionales emotionales Erleben zu erkennen, zu akzeptieren und in adaptive Emotionen zu verändern, also Emotionen, die hilfreich und unterstützend sind. Ziel ist eine differenzierte und erlebensorientierte Verarbeitung von Emotionen. Die Emotionsfokussierte Therapie ist prozess- und erlebensorientiert. Ursprünglich wurde sie deshalb Prozess-erlebensorientierte Therapie genannt. Sie integriert Elemente der Personenzentrierten Therapie nach Rogers und der Gestalttherapie nach Perls. Ein zentrales Prinzip ist die empathische Gestaltung der Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Der Therapeut lässt sich auf das emotionale Erleben des Klienten ein und wird zum wertschätzenden Prozessbegleiter. Gleichzeitig regt der Therapeut den Klient an, neue Ideen und Sichtweisen auszuprobieren und regt so Veränderung an.

Emotionsfokussiertes Coaching

Auch im Coaching ist die Arbeit mit den Emotionen des Coachee eine wirksame und zielführende Intervention. Die Arbeit mit unterschiedlichen Stühle (Coaching mit Stühlen) ist eine aus der emotionsfokussierten Therapie übernommene Interventionsmethode. Sie geht auf Jacob Moreno zurück, der sie bereits in den 1950er Jahren entwickelt hat. Beim emotionsfokussierten Coaching steht Handeln und Erleben im Mittelpunkt des Coaching-Prozesses. Durch die Verortung im Raum und das bewusste Erleben vergangener und zukünftiger Situationen hat der Coachee die Möglichkeit, die eigenen Emotionen zu explorieren und zu überprüfen, welche Emotionen hilfreich und förderlich, und welche hinderlich und belastend sind.

Das emotionsfokussierte Coaching setzt eine von Vertrauen und Wertschätzung geprägte Beziehung zwischen Coach und Coachee voraus. Außerdem verlangt es vom Coach, negative und belastende Emotionen zielführend in den Coaching-Prozess integrieren zu können. Sonst besteht die Gefahr, dass der Coachee das Coaching nicht als lösungsorientiert erlebt, sondern maladaptive Emotionen verstärkt werden.

Insbesondere wenn es um schwere Traumata oder Missbrauch geht, oder wenn affektiven Störungen (Depression, oder Angst- und Zwangserkrankungen) nicht auszuschließen sind, ist die Grenze zur Psychotherapie schnell überschritten. Auch wenn hier für emotionsfokussierte Therapie überzeugende empirische Evidenz vorliegt, ist ein therapeutisches Vorgehen in der Regel weder durch den Auftrag des Coachee abgedeckt, noch reicht die psychotherapeutische Qualifikation des Coachs hier aus (abgesehen von rechtlichen Einschränkungen).

Die Emotionsfokussierte Therapie als evidenzbasiertes Verfahren

Das Konzept der emotionsfokussierten Therapie ist eng mit dem Namen Leslie S. Greenberg verknüpft. Der Kanadier ist Professor für Therapieforschung an der York University in Toronto. Es hat selbst viel zur Wirksamkeit des Verfahrens geforscht, und mit dazu beigetragen, dass die Emotionsfokussierte Therapie von der APA (American Psychological Association) in die Liste der empirisch basierten Verfahren aufgenommen wurde. Sowohl zur Therapie als Ganzes, als auch zu spezifischen Wirkfaktoren liegt umfangreiche Forschung vor.

Nachgewiesen werden konnte, dass die Tiefe der emotionalen Verarbeitung eine zentrale Rolle für den Therapieerfolg spielt. Dabei geht es um die Qualität des emotionalen Erlebens und die Frage, ob ein Coachee eigene Gefühle wahrnehmen und in Beziehung zum eigenen Selbst setzen kann, innere Erfahrungen einordnen kann, und auch einen Zugang zu impliziten Gefühlen hat, die nicht direkt wahrnehmbar sind. Ein weiterer Faktor ist die produktive Nutzung von Emotionen. Zu Veränderung kommt es, wenn der Coachee hilfreiche und förderliche Emotionen nutzen, und diese von hinderlichen Emotionen unterscheiden lernt.

Unterschiede in emotionalem Erleben und Ausdruck

Es lassen sich unterschiedliche Formen des emotionalen Erlebens unterscheiden, die jeweils Hinweise auf mögliche Coaching-Intervention geben können.

  • Primäre Emotionen sind die direkten und unmittelbaren emotionalen Reaktionen auf eine Situation, z.B. die Wut als Reaktion auf eine Enttäuschung oder Beleidigung oder Trauer als Reaktion auf Verlust.
  • Primär adaptive Emotionen sind dabei hilfreich zur Bewältigung einer Situation und bereiten eine Person auf eine entsprechende Reaktion vor. So führt z.B. das Erleben von Angst dazu, dass eine Situation als gefährlich identifiziert wird und löst so Verhalten aus, dass die Sicherheit wieder herstellt. Oder das Erleben von Wut oder Ärger unterstützt eine Person dabei, sich abzugrenzen oder neue Alternativen auszuprobieren.
  • Primär maladaptive Emotionen sind im Gegensatz dazu nicht hilfreich, um ein Problem zu lösen oder in einer Situation angepasst zu reagieren. Sie „passen nicht zur Situation“. Oft sind solche Emotionen eher durch frühere Situationen oder Erfahrungen bestimmt (z.B. das Erleben eines Verlustes, von Rückweisung oder Abwertung). Sie stehen in keinem direkten Zusammenhang mit der aktuellen Situation.
  • Sekundäre Emotionen sind eine Reaktion auf die eigenen Gedanken, Bewertungen und Gefühle, z.B. der Ärger darüber, sich zu ärgern, ein „Sich-Schuldig-Fühlen“, oder die Angst, traurig zu sein. Auslöser ist auch hier nicht direkt die Situation. Da sekundäre Emotionen nicht dazu beitragen, angepasst zu reagieren, sind auch sekundäre Emotionen maladaptiv.

Im Coaching geht es nun darum, den Coachee dabei zu unterstützen primär adaptive Emotionen zu erkennen und zu nutzen. Sie enthalten wichtige Information über die eigene Person und das eigene Erleben. Sie können als Ressource genutzt werden, um hilfreiche Verhaltensstrategien zu identifizieren und zu aktivieren. Bei maladaptiven Emotionen ist das Ziel, diese als nicht an die Situation angepasst zu erkennen und zu „transformieren“. Damit ist gemeint, diese Emotionen wertschätzend zu explorieren und dem Coachee zugänglich zu machen, um im nächsten Schritt die dahinter liegende primäre Emotion zu erkennen.

  •  Neben diesem Gefühl, das sie gerade beschreiben, gibt es da noch ein anderes Gefühl?
  • Was sagt ihnen dieses Gefühl über die Situation, in der sie sich befinden?
  • Was sagt ihnen dieses Gefühl über sie selbst?
  • Welche Information an eine andere Person könnte in diesem Gefühl stecken?

Zu Beginn dieser Veränderung steht deshalb, maladaptive Emotionen wahrzunehmen ggf. auch bewusst zu durchleben, um diese in eine adaptive Emotion integrieren zu können. Als Ergebnis eines emotionsfokussierten Coaching-Prozesses ist der Coachee besser in der Lage, die eigenen Emotionen differenziert wahrzunehmen, adaptiv zu nutzen und damit zur Steuerung des eigenen Verhaltens zu nutzen.

Man muss erst an einem Ort ankommen, um ihn verlassen zu können.

Phasen emotionaler Veränderung

Die Phasen einer Veränderung werden in der Emotionsfokussierten Therapie als Grundprinzipien emotionaler Verarbeitung beschrieben. Die Phasen bieten sich als diagnostisches Hilfsmittel an, um Veränderungen beim Coachee wahrzunehmen.

Emotionen bewusst erleben

Zunächst geht es darum, die eigenen Emotionen differenziert wahrzunehmen. Dann kann der Coachee die eigenen Emotionen nutzen, um die eigenen Bedürfnisse zu identifizieren und daraus entsprechende Handlungsstrategien abzuleiten. Der Coach unterstützt den Coachee, die eigenen Emotionen auf Basis körperlichen Erlebens (somatische Marker) wahrzunehmen und auf deren Bedeutung zu achten. Dabei liegt der Fokus nicht auf dem abstrakten Reflektieren der Emotionen, oder der genauen sprachliche Beschreibung. Im Zentrum steht das Erleben.

Emotionen regulieren

Die Regulation von Emotionen beschreibt das „Umgehen mit Emotionen“. Es geht darum, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und einzuordnen (z.B. Wut vs. Trauer) und sie sprachlich zu benennen. Einerseits lernt der Coachee, die eigenen Emotionen zu akzeptieren und diese ausleben zu können, anderseits sich bei hinderlichen Emotionen selbst zu beruhigen, und mit den eigenen Emotionen umzugehen. Ziel ist eine Überregulation zu vermeiden, bei der ein Coachee keine Emotionen zulassen kann und diese übermäßig kontrolliert, gleichzeitig aber auch eine Unterregulation zu vermeiden, bei der ein Coachee von den eigenen Emotionen „überschwemmt“ wird. Im Fokus stehen hier sekundäre Emotionen und primär maladaptive Emotionen, die reguliert und transformiert werden sollen.

Emotionen ausdrücken und reflektieren

Eine Funktion des Coaching kann sein, belastende oder schmerzhafte Emotionen in einem geschützten und empathischen Umfeld zu erleben und geeignete Strategien zur Regulation zu entwickeln. Dabei geht es darum, nicht die sekundären Emotionen auszuleben, sondern die primären Emotionen (die körperlich wahrgenommen werden) einzuordnen und verbal ausdrücken zu können, zunächst innerhalb des geschützten Rahmens des Coaching, später auch direkt in der auslösenden Situation. Durch das Erzählen und Symbolisieren („… wie ein schwarzer Knoten im Magen.“) werden Emotionen kognitiv greifbar, erlangen dadurch Bedeutung und können bewusst reflektiert werden.

Emotionen transformieren

Zentrales Ziel des Emotionsfokussierten Coachings ist die Veränderung von Emotionen. Eine maladaptive Emotion wird dabei nicht beseitigt, gelöscht oder verhindert. Im Gegenteil: Es geht darum, der maladaptiven Emotion eine zweite adaptive Emotion “an die Seite zu stellen” und dadurch die Wirkung der maladaptiven Emotion aufzuheben.

So wird z.B. der Angst, zu versagen oder zurückgewiesen zu werden, der Ärger über Grenzüberschreitungen Anderer oder Stolz auf bisher Erreichtes an die Seite gestellt. Das geschieht im Coaching-Prozess durch den Fokus auf das innere Erleben, das erlebensorientierte Ausprobieren, und die Verbalisierung von unterstützenden Emotionen. Eine Situation, die bisher eine maladaptive Situation ausgelöst hat, wird jetzt mit einer zusätzlichen adaptiven Emotion verknüpft, aus der sich entsprechende Verhaltensstrategien ergeben (vgl. Implementation Intentions). Vergangene Situationen werden also mit neuen adaptiven Emotionen verknüpft, und so nachträglich verändert.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Greenberg, L., Herrmann, I. & Auszra, L (2014). Arbeit mit Emotionen – Emotionsfokussierte Therapie. In G. Stumm & W. W. Keil (Hrsg.). Praxis der Personzentrierten Psychotherapie (S. 81-91). Heidelberg: Springer.
  • Webseite mit weiterführenden Infos und vielen Quellen zu Forschungsergebnissen: www.emotions-fokussierte-therapie.de
  • Greenberg, L.S. (2004). Emotion-focused therapy. British Journal of Clinical Psychology and Psychotherapy, 11, 3-16.

 

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk

Johannes Moskaliuk ist promovierter Diplom-Psychologe und Geschäftsführer der ich.raum GmbH. Er arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen und hat eine Professur für Psychology and Management an der International School of Management in Frankfurt und Stuttgart. Johannes Moskaliuk hat das Konzept des ich.raum Coaching entwickelt, dass Theorien und Methoden aus unterschiedlichen Coaching-Traditionen verbindet.