Attributionen

Kausalattribuierung oder Kauasalattribution beschreibt das Zuschreiben von Ursachen oder Erklärungen. Menschen attribuieren Ursachen von Verhalten, um sich selbst und die Welt um sie herum zu verstehen. So entstehen Beliefs.

Menschen haben das Bedürfnis, das eigene Verhalten und das Verhalten anderer Menschen zu verstehen. Dafür müssen sie nach Ursachen suchen, die erklären, warum sie selbst oder jemand Anderes sich in einer bestimmten Art und Weise verhält. Für dieses Zuschreiben von Ursachen oder Erklärungen wird in der Psychologie der Begriff Kausalattribuierung oder Kauasalattribution verwendet: Menschen attribuieren also Ursachen von Verhalten, um sich selbst und die Welt um sie herum zu verstehen. Der Begriff Attribution geht auf den Psychologen Fritz Heider zurück. Er beschreibt den Menschen als Wissenschaftler, der die Welt verstehen und erklären möchte, und deshalb für Beobachtungen in seiner Umwelt subjektive Erklärungen sucht. Ziel von Attributionen ist es, die Umwelt zu strukturieren, Ereignissen und Verhaltensweisen Bedeutung zu geben und sie vorhersagbar zu machen. Attributionen haben deshalb große Bedeutung für den Einzelnen. Um zu überleben, müssen Menschen den Zusammenhang zwischen Ursachen und Wirkungen einzelner Verhaltensweisen und den Konsequenzen, die sich daraus ergeben, verstehen.

Gleichzeitig können Attributionen zu Missverständnissen und Konflikten führen. Denn in Bezug auf das Verhalten anderer Menschen, haben Menschen die Tendenz, den Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Meinungen zu überschätzen. Dabei vernachlässigen wir äußere Faktoren, z.B. den Einfluss der Situation. Ein Grund dafür ist, dass der Fokus der Aufmerksamkeit auf der handelnden Person liegt. Wir sind es gewohnt, auf die handelnde Person zu achten. Dazu kommt, dass situative Einflussfaktoren einem Beobachter von außen oft nicht bekannt sind. Da wir nur Person beachten, die wir beobachten, liegt es nahe, auf deren Persönlichkeit, Einstellungen und Meinungen zu attribuieren – und weniger auf die Situation.

Attributionen und Selbstwert

Bei der Attribution von Verhalten – also der Zuschreibung von Ursachen – lassen sich formal zwei Dimensionen unterscheiden:

  • interne oder externe Attribution: Bei der internen Attribution mache ich mich selbst, meine Kompetenzen, meine Persönlichkeit, meine Leistung verantwortlich für mein Verhalten. Bei der externen Attribution verstehe ich andere Menschen, die Situation, das Umfeld oder den Zufall als Ursache.
  • stabile oder variable Attribution: Bei der stabilen Attribution gehe ich davon aus, dass Verhalten über die Zeit stabil und unveränderlich ist. Bei der variablen Attribution beziehe ich Schwankungen und Unterschiede je nach Situation und Umfeld mit ein.

Die Art, wie Ihr Coachee attribuiert, hat Einfluss auf seinen Selbstwert und sein Selbstbewusstsein. Wenn er zum Beispiel eine mangelnde Leistung im Beruf auf äußere Faktoren attribuiert, also z.B. auf seine unfähigen Kollegen oder die unklaren Anforderungen, dann kann er sich weiterhin gut und kompetent fühlen. Wenn er dagegen die mangelnde Leistung auf seine mangelnden Fähigkeiten attribuiert, dann kann das seinen Selbstwert beeinträchtigen. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Erfolg: Wenn er annimmt, dass er und seine Leistung dafür verantwortlich sind, wird er sich gut und selbstbewusst fühlen. Wenn er dagegen annehmen, dass sichs ein Erfolg mit Faktoren von außen begründen lässt, z.B. den geringen Anforderungen, dem wohlwollenden Chef oder dem Zufall, dann wird er sich weniger kompetent und selbstsicher fühlen.

Attributionen und Beliefs

Wenn Menschen in ähnlichen Situationen immer wieder ähnlich attribuieren, dann können sich daraus stabile Beliefs entwickeln. Diese Beliefs, also Überzeugungen über die Welt und die eigene Person, haben Einfluss darauf, wie ein Coachee in Zukunft sein eigenes Verhalten und das anderer Menschen erklärt. Daraus ergibt sich ein Kreislauf: Jede Situation, in der ein Coachee in einer bestimmten Art und Weise attribuiert, verstärkt den entsprechenden Belief. Der Belief erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass der Coachee in einer bestimmten Art und Weise attribuiert.

Die Art, wie ein Coachee das eigene Verhalten und das Verhalten anderer Menschen erklärt, hat also Einfluss darauf

  • wie der Coachee sich fühlt,
  • wie er mit anderen Menschen umgeht,
  • wie leistungsfähig er ist,
  • wie er auf Niederlagen reagiert und
  • ob er sich persönlich weiterentwickelt.

Der erste Schritt um Beliefs zu verändern ist deshalb, Attributionsfehler zu reflektieren. Das ist nicht ganz einfach, denn Attributionen haben gleichzeitig Einfluss auf die Wahrnehmung.

Wenn ein Coachee also überzeugt ist, dass eine bestimmte Attribution richtig und sinnvoll ist, dann wird stärker darauf achten, was sein Attribution bestätigt, und das, was die Attribution in Frage stellt, eher übersehen ( Selbsterfüllende Prophezeiungen).

Auch das Kommunikationsverhalten wird sich wesentlich verändern, wenn der Coachee die eigene Tendenz versteht, den Einfluss von Persönlichkeit, Einstellungen und Meinungen auf das Verhalten anderer Menschen zu überschätzen. Es kann Konflikte entschärfen, auch äußere Faktoren, z.B. den Einfluss der Situation, das Umfeld oder die eigene Wirkung auf den Anderen mit einzubeziehen.

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk

Johannes Moskaliuk ist promovierter Diplom-Psychologe und Geschäftsführer der ich.raum GmbH. Er arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen und hat eine Professur für Psychology and Management an der International School of Management in Frankfurt und Stuttgart. Johannes Moskaliuk hat das Konzept des ich.raum Coaching entwickelt, dass Theorien und Methoden aus unterschiedlichen Coaching-Traditionen verbindet.