Bestimmte psychotrope Substanzen beeinflussen das zentrale Nervensystem. Viele davon bringen ein starkes Potenzial für Abhängigkeit und Missbrauch mit sich. Was umgangssprachlich als Sucht bezeichnet wird, ist in der Psychologie das Abhängigkeitssyndrom.

Diagnostische Kriterien

Psychotrope Substanzen können ganz unterschiedliche Wirkungen haben (siehe unten). Die Symptome für ein Abhängigkeitssyndrom und damit auch die diagnostischen Kriterien sind jedoch bei allen sehr ähnlich. Dabei wird zunächst einmal der schädliche Gebrauch bzw. Missbrauch definiert:

  • Deutlicher Nachweis, dass der Substanzgebrauch für körperliche oder psychische Schäden verantwortlich ist
  • Gebrauch seit mindestens einem Monat oder wiederholt in den letzten 12 Monaten

Für eine Abhängigkeit müssen 3 Punkte aus der folgenden Liste über einen Zeitraum von mindestens einem Monat erfüllt sein oder wiederholt in den letzten 12 Monaten aufgetreten sein:

  • Starkes Verlangen oder innerer Zwang, zu konsumieren
  • Verminderte Kontrolle über den Substanzgebrauch (Gefühl von Kontrollverlust)
  • Körperliches Entzugssyndrom (siehe unten)
  • Toleranzentwicklung: es sind immer größere Dosen nötig, um den gewünschten Effekt zu erreichen
  • Vernachlässigung anderer Aktivitäten und Lebensbereiche
  • Anhaltender Gebrauch trotz eindeutig schädlicher Folgen

Substanzen

Von der eingenommenen Substanz hängen unter anderem die Symptome des Entzugssyndroms ab. Hier einige Beispiele:

  • Alkohol: Schwitzen, Zittern, grippeähnliche Symptome, schlimmstenfalls Krampfanfälle und Halluzinationen
  • Nikotin: Pulsverlangsamung, Blutdruckabfall, Aggressivität, Reizbarkeit, Depressivität, Nervosität, Unruhe, Schwitzen, Schlafstörungen, gesteigerter Appetit
  • Opioide: (z.B. Heroin): Durchfall, Erbrechen, kalter Schweiß, Schwindel, Zittern. Angst, Schlafstörungen, Depression, Schmerzen
  • Benzodiazepine: Schlafstörungen, Alpträume, Panikattacken, Sprachstörungen, Angststörungen, Depressionen, Aggressionen, Realitätsverlust

Außerdem unterscheidet sich die Wirkung der jeweiligen Stoffe und damit auch die Gründe, aus denen sie typischerweise eingenommen werden. Beispielsweise werden aktivierende Drogen eher von Menschen unter Leistungsdruck eingenommen, während ängstliche Personen eher zu Substanzen mit dämpfender Wirkung greifen.

Je nach Substanz verändert sich auch die sogenannte Gefährdungsgrenze bzw. Harmlosigkeitsgrenze. Bleibt der tägliche Konsum unterhalb dieser Grenze, kann er als risikoarmer Konsum eingestuft werden. Liegt der tägliche Konsum über der Gefährdungsgrenze, besteht ein höheres Risiko, ein Abhängigkeitssyndrom zu entwickeln. Der Konsum wird dann als riskanter Konsum eingestuft. Für Alkohol beispielsweise liegt die Gefährdungsgrenze bei täglich 30g für Männer und 20g für Frauen (woraus sich natürlich verschiedene Mengen Wein/Bier/Schnaps/etc. ergeben, je nach Alkoholkonzentration).

Weitere Parameter zur Klassifikation von Substanzen sind das Abhängigkeitspotenzial und das Schadpotenzial. Beispielsweise richtet Heroin von allen bekannten Drogen die stärksten Schäden an und macht mit der größten Wahrscheinlichkeit süchtig. Das zweitgrößte Abhängigkeitspotenzial hat Kokain, dicht gefolgt von Tabak – allerdings ist das Schadpotenzial von Tabak wesentlich geringer als das von Kokain.

Verhaltenssüchte

Neben der Abhängigkeit von einer bestimmten Substanz gibt es außerdem noch Verhaltenssüchte, die ebenfalls schädliche Folgen haben können. Diese Folgen können sozialer, psychischer, finanzieller (z.B. Spielsucht) und sogar körperlicher Natur (etwa bei einer Sexsucht) sein.

Häufige Verhaltenssüchte sind:

  • Spielsucht
  • Kaufsucht
  • Arbeitssucht
  • Computersucht
  • Sexsucht

Typische Schwierigkeiten bei der Diagnostik

Die Diagnose eines Abhängigkeitssyndroms kann aus mehreren Gründen schwierig sein: Zum einen kommt es vor (etwa bei Medikamentenmissbrauch), dass den Betroffenen die schädlichen Folgen gar nicht bewusst sind. Zum anderen ist das Thema stark mit Scham verbunden, sodass die Abhängigkeit womöglich geleugnet oder verheimlicht wird. Außerdem kommt noch die Illegalität bestimmter Substanzen hinzu, wodurch die Betroffenen rechtliche Konsequenzen fürchten. Das trägt weiter zur Verheimlichung bei.

Haben Sie in Ihrem Coaching-Vertrag eine Schweigepflicht vereinbart? Dann kann ein entsprechender Hinweis gegenüber dem Coachee helfen, das Thema offen anzusprechen und dem Problem auf den Grund zu gehen. Wenn Sie als interner Coach arbeiten, prüfen Sie hier die Vereinbarungen mit Ihrem Auftraggeber in Bezug auf Inhalt und Prozess des Coachings. Wenn Sie dem Coachee empfehlen, eine entsprechende Institution oder Fachkraft aufzusuchen, kann das Betonen der ärztlichen Schweigepflicht ermutigen, diese Hilfe tatsächlich in Anspruch zu nehmen

Weitere Infos

Verbreitung

Auch die Verbreitung hängt von der jeweiligen Substanz ab, wobei legale Stoffe stärker verbreitet sind als illegale. Insbesondere Alkohol ist nicht nur legal, sondern auch stark in gesellschaftliche Strukturen integriert, so dass eher der nicht-Konsum als der Konsum sozial gestraft wird.

Substanz Verbreitung in Deutschland
Alkohol Riskanter Konsum: 29,7%

Missbrauch: 3,8%

Abhängigkeit: 2,4%

Tabak Abhängigkeit: 31,8%
Medikamente Abhängigkeit: 1,7%
Cannabis Missbrauch: 0,7%

Abhängigkeit: 0,4%

Andere illegale Drogen (Heroin, Kokain…) Missbrauch: 0,3%

Abhängigkeit: 0,2%

Verlauf

Am Beginn steht der Erstkonsum, gefolgt vom regelmäßigen Konsum, der schließlich in den abhängigen Konsum übergeht. Oft kommen im Verlauf noch mehrere Substanzen hinzu. Das wird als Polysubstanzgebrauch bezeichnet.

Wer schreibt hier?

Johannes ist Professor für Wirtschaftspsychologie in Stuttgart und Geschäftsführer der ich.raum GmbH. Er schreibt auf ichraum.de zu den Themen Coaching, Führung und Psychologie.

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