Die Arbeit an der eigenen Biografie wird in vielen Coaching-Schulen und Therapierichtungen als eine Methode eingesetzt, um den Zugang zur eigenen Persönlichkeit, zu wichtigen Erfahrungen und zu Vorstellungen von der Zukunft zu ermöglichen. Oft kommen dabei auch kreative, gestaltende Methoden zum Einsatz. Im lösungsorientierten Coaching fokussiert die Arbeit an der eigenen Biografie immer auf Ressourcen, vorhandene Fähigkeiten und Kompetenzen, und entwickelt darauf aufbauend eine stärkende Perspektive auf die eigene Zukunft.
Inhalt des Beitrags
Die eigene Biografie wertschätzen
Die Arbeit mit dem Ich-Panorama ist nicht auf ein bestimmtes Ergebnis hin orientiert. Es geht um die wertschätzende Erkundung (wertschätzendes Interview) der Biografie des Coachee. Deutlich werden soll die Individualität des Coachee und die für ihn einzigartige Art und Weise das eigene Leben zu beschreiben, zu verstehen und in Beziehung zu Anderen zu setzen. In vielen Fällen ergibt sich daraus noch keine konkrete Lösungsmöglichkeit, insbesondere der Blick in die Zukunft macht aber klar, dass die eigene Biografie und die eigene Persönlichkeit gestaltet werden kann.
Der grafischen Gestaltung des Ich-Panoramas sind keine Grenzen gesetzt. Ermutigen Sie Ihren Coachee dazu, kreativ zu werden.
In dieser Coaching-Übung nimmt Ihr Coachee die eigene Biografie wahr, reflektiert Ressourcen und Kompetenzen und erfährt Wertschätzung für die eigene Persönlichkeit – auch im Blick auf die eigene Zukunft.
Ablauf des Coaching-Tools
Sie sind zu zweit, Coach und Coachee. Auf einem Flipchart-Papier, einem Bogen Packpapier oder einem anderen Papier wird mit Farbstiften (z.B. Wachskreide oder dickere Filzstifte) die eigene Biografie dargestellt und dabei Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Blick genommen.
Der Coach leitet den Coachee auf Basis der folgenden Schritte an, das eigene Ich-Panorama zu erkunden. Der Coachee übernimmt eine gestaltende Rolle und zeichnet, malt oder schreibt sein Ich-Panorama selbst – so wie es für ihn passend und richtig erscheint.
Während Sie als Coach Ihren Coachee bei der Arbeit mit dem Ich-Panorama begleiten, sollten Sie sich ganz auf das Zuhören (Aktives Zuhören) fokussieren und den Coachee und dessen Biografie und Vorstellungen von der Zukunft in den Mittelpunkt stellen. Vermeiden Sie eine zu starke Strukturierung des Gesprächs durch diagnostische Fragen oder systemische Fragen und lassen Sie Freiraum für die eigene Gestaltungsfreude.
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1. Ziele sammeln und einzeichnen.
Zu Beginn sammelt der Coachee wichtige Stationen im eigenen Leben, Ereignisse, Veränderungen, Ziele. Dabei nimmt der Coachee in den Blick
- das private Umfeld (z.B. eigene Geburt, erste große Liebe, Geburt eines Kindes, Tod eines wichtigen Menschen),
- Studium, Ausbildung und Arbeit (z.B. Abitur, Studienabschluss, erster Job, Arbeitslosigkeit, Ruhestand),
- äußere (z.B. Umzug) und innere Umstände (z.B. mit dem Rauchen aufhören, wichtige Entscheidungen),
- einschneidende soziale oder gesellschaftliche Erfahrungen (z.B. Fall der Mauer, Übernahme eines Ehrenamtes),
- und was außerdem für den Coachee wichtig und bedeutsam ist.
Zunächst betrachtet der Coachee die Vergangenheit (Welche Ziele habe ich schon erreicht?) und die Gegenwart (Was ist gerade wichtig?) und wirft dann einen Blick in die eigene Zukunft (Welche Ziele möchte ich noch erreichen?).
Diese Stationen (Ziele) werden als „Wegmarken“ auf der Zeitachse des Ich-Panoramas eingezeichnet. Die Zeitskala muss dabei nicht maßstabsgetreu sein, der Coachee entscheidet, welche Repräsentation passend und richtig ist.
Der Coachee kann die Skala (+ bis -) zur Verortung einzelner Ziele nutzen, um deren emotionale Qualität darzustellen.
Der Coachee kann die Ziele auch zunächst auf Klebezetteln sammeln und im nächsten Schritt in das Ich-Panorama einsortieren. Das macht es möglich, die Anordnung der einzelnen Ziele noch zu verändern und anzupassen.
2. Werte identifizieren.
Im nächsten Schritt reflektiert der Coachee, welche Werte in unterschiedlichen Lebensabschnitten bedeutsam waren oder werden.
- Was ist mir zu dieser Zeit wichtig?
- Womit verbringe ich die meiste Zeit?
- Welche Personen sind wichtig? Mit welchen Personen verbringe ich viel Zeit?
- Welche Hobbies, Aufgaben, Ämter habe ich?
- Worauf achte ich bei der Gestaltung meines Lebens zu dieser Zeit?
Auch diese Fragen werden in Bezug auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft wahrgenommen und in das Ich-Panorama eingezeichnet.
3. Beliefs wahrnehmen.
Die zentrale Frage für diesen dritten Schritt lautet: Wie geht es mir zu dieser Zeit? Diese Frage bezieht sich zum einen auf förderliche und hinderliche Beliefs, zum anderen auf das allgemeine Wohlbefinden, z.B. in Bezug auf die Balance zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Lernen und Entspannen, aber auch in Bezug auf die eigene Gesundheit.
Auch hier geht es wieder um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Coachee trägt seine Wahrnehmung von Beliefs in das Ich-Panorama ein.
Der Coachee kann die Skala (+ bis -) zur Verortung einzelner Beliefs nutzen, um deren emotionale Bedeutung darzustellen oder die Skala nutzen um Hoch- und Tiefpunkte im eigenen Leben zu visualisieren.
Insbesondere in belastenden oder stressigen Situationen fällt es manchen Coachees schwer, beim Blick in die eigene Zukunft auch förderliche Beliefs und positive Emotionen zu berücksichtigen. Dann kann es hilfreich sein, den Coachee zu ermutigen, das eigene Ich-Panorama spielerisch und kreativ zu nutzen und dabei mögliche und unmögliche „Zukünfte“ zu berücksichtigen: Was wäre, wenn ein Wunder passiert?
Die Unterscheidung zwischen Werten und Beliefs (Schritt 2 und 3) ist für das Erstellen des Ich-Panoramas nicht zentral. Der Coachee entscheidet, was für ihn wichtig und bedeutsam ist. In das Ich-Panorama können noch weitere Aspekte der eigenen Biografie eingezeichnet werden, z.B. welche Personen zu welcher Zeit wichtige Vorbilder waren, welcher Lebenstraum im Mittelpunkt stand, welche bedeutsamen Ehrenämter oder Aufgaben nehmen viel Zeit ein, wie verändert sich die Beziehung zu einem wichtigen Menschen?
Abschluss
Zum Abschluss nimmt der Coachee wertschätzend die eigene Biografie und die Arbeit mit dem Ich-Panorama wahr. Wenn der Coachee möchte, kann der Coach am Ende des Prozesses seine eigene Wahrnehmung schildern unter der Leitfrage: „Was fällt mir auf?“ und „Welche Bilder, Gedanken und Gefühle werden in mir aktiviert?“. Wichtig ist, dass der Coach die Biografie des Coachee nicht bewertet, ihn berät oder Ideen und Planungen in Frage stellt, sondern wertschätzend, zurückhaltend und achtsam „als Gast im Leben des Anderen“ kommuniziert.


