Externe Wertekonflikte | Innere und äußere Werte reflektieren
Wertekonflikte verstehen: Vergleichen Sie eigene Werte mit den Anforderungen Ihres Umfelds. Mit 19 Werten, Anleitung, Beispiel und Reflexionsvorlage.
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Sie möchten eigenständig entscheiden, sollen aber jeden Schritt freigeben lassen. Oder Ihnen ist Verlässlichkeit wichtig, während Ihr Umfeld ständig neue Pläne bevorzugt. Ein externer Wertekonflikt kann entstehen, wenn das, was Ihnen wichtig ist, mit Erwartungen und Bedingungen Ihres Umfelds kollidiert. Die folgende Übung hilft Ihnen, beide Seiten zu beschreiben und genauer zu verstehen, worüber Sie sprechen oder entscheiden müssen.
Was sind innere und äußere Werte?
Mit inneren Werten sind hier Ihre eigenen Orientierungen gemeint. Die äußere Seite beschreibt, welche Werte Sie in einem bestimmten Umfeld wahrnehmen und welche Anforderungen dort tatsächlich gelten. Beides gehört auseinandergehalten: Eine Vorschrift ist beobachtbar; welcher Wert dahintersteht, bleibt zunächst eine Deutung.
Ein fiktives Beispiel: Eine Führungskraft möchte Beziehungen pflegen und ihrem Team selbstständiges Arbeiten ermöglichen. Sie erlebt ihr Unternehmen dagegen als stark auf Kontrolle und Regelkonformität ausgerichtet. Ob diese Beschreibung für das ganze Unternehmen zutrifft, muss sie prüfen. Vielleicht betrifft der Konflikt vor allem eine konkrete Freigaberegel oder die Zusammenarbeit mit einer bestimmten Person.
Ein neuer Job, eine Partnerschaft, die Geburt eines Kindes, ein Ausbildungsabschluss oder eine längere Erkrankung können solche Spannungen sichtbar machen. Auch innerhalb eines Lebens können unterschiedliche Werte im Vordergrund stehen: etwa Leistung bei der Arbeit und ein gutes Miteinander zu Hause. Das bedeutet nicht, dass jemand zwei unvereinbare Persönlichkeiten hat.
Werte beschreiben, was Ihnen grundsätzlich wichtig ist. Ein konkretes Ziel beschreibt dagegen ein angestrebtes Ergebnis, etwa bis Freitag eine Vereinbarung zu treffen. Die Begriffe überschneiden sich je nach Modell: Übergeordnete Ziele, Haltungsziele oder ein persönliches Motto können eine Werteorientierung ausdrücken. Werte sind außerdem nicht mit Persönlichkeitseigenschaften gleichzusetzen. Die Unterscheidung lautet nicht „veränderlich gegen unveränderlich“.
Wann ist die Übung sinnvoll?
Die Übung passt, wenn Sie eine wiederkehrende Spannung besser verstehen möchten: „Irgendetwas passt hier nicht.“ Ärger, Unzufriedenheit oder Stress können ein Anlass zur Reflexion sein. Sie beweisen aber keinen Wertekonflikt. Auch Arbeitsmenge, fehlende Informationen, unklare Zuständigkeiten oder konkrete Benachteiligungen können eine Rolle spielen.
Bei Konflikten zwischen Personen ist besondere Sorgfalt nötig. Vielleicht möchte eine Person Sicherheit, die andere Abenteuer. Aus einem einzelnen Verhalten lässt sich das nicht sicher ableiten. Vermutungen über abwesende Personen bleiben Hypothesen. Ein Perspektivwechsel kann zusätzliche Deutungen liefern; klären lassen sie sich am besten im Gespräch mit der betreffenden Person.
Die folgende Anleitung ist eine Praxishilfe zur Reflexion, kein diagnostischer Test. Sie kann Entscheidungsfragen vorbereiten, trifft die Entscheidung aber nicht für Sie. Ein sichtbarer Unterschied muss weder beseitigt werden noch automatisch zu einem Wechsel des Arbeitsplatzes oder einer Trennung führen.
Vorbereitung: Zwei Seiten und eine konkrete Situation
Nehmen Sie Papier und Stift oder 19 kleine Karten. Im Coaching hält der Coach Ihre Formulierungen fest und fragt nach, ohne Ihnen bestimmte Werte zuzuschreiben. Klären Sie zunächst den Auftrag: Möchten Sie einen Konflikt verstehen, ein Gespräch vorbereiten oder eine Entscheidung untersuchen?
- Grenzen Sie den Bereich ein. Zum Beispiel: „Meine Entscheidungsfreiheit in unserem Projekt.“ Bleiben Sie während der Übung bei dieser Frage.
- Benennen Sie die beiden Seiten. Etwa „Ich als Projektleitung“ und „Die Anforderungen in diesem Projekt“. Vermeiden Sie abwertende Vorannahmen wie „Das rücksichtslose Unternehmen“.
- Beschreiben Sie eine Situation. Was geschah konkret? Wer sagte oder tat was? Was haben Sie wahrgenommen und empfunden? Was hätten Sie gebraucht?
Trennen Sie dabei Beobachtung und Interpretation: „Meine Entscheidung musste dreimal freigegeben werden“ beschreibt einen Vorgang. „Hier vertraut mir niemand“ ist eine mögliche Deutung, die noch geprüft werden muss.
19 Werte als Orientierung
Die Liste orientiert sich an der differenzierten Wertetheorie von Schwartz und Kollegen (2012). Die Studie untersucht Werte und ihre Beziehungen; sie belegt nicht die Wirksamkeit dieser Coachingübung. Die folgenden Kurzbeschreibungen sind sinngemäße deutsche Zusammenfassungen.
- Selbstbestimmtes Denken: Eigene Ideen und Fähigkeiten entfalten.
- Selbstbestimmtes Handeln: Selbst über das eigene Tun entscheiden.
- Stimulation: Neues, Abwechslung und Spannung suchen.
- Hedonismus: Genuss und sinnliche Freude erleben.
- Leistung: Nach gesellschaftlichen Maßstäben erfolgreich sein.
- Macht über Personen: Andere Menschen kontrollieren.
- Macht über Ressourcen: Materielle und soziale Ressourcen kontrollieren.
- Das Gesicht wahren: Öffentliches Ansehen schützen und Demütigung vermeiden.
- Persönliche Sicherheit: Sicherheit im unmittelbaren Lebensumfeld.
- Gesellschaftliche Sicherheit: Stabilität und Sicherheit der Gesellschaft.
- Tradition: Kulturelle, familiäre oder religiöse Überlieferungen bewahren.
- Regelkonformität: Regeln und formale Verpflichtungen einhalten.
- Zwischenmenschliche Rücksicht: Vermeiden, andere zu verärgern oder zu verletzen.
- Bescheidenheit: Die eigene begrenzte Bedeutung im größeren Ganzen anerkennen.
- Verlässlichkeit: Für Nahestehende vertrauenswürdig und zuverlässig sein.
- Fürsorge: Das Wohlergehen Nahestehender unterstützen.
- Gerechtigkeit: Gleichheit und Schutz aller Menschen fördern.
- Naturschutz: Die natürliche Umwelt erhalten.
- Toleranz: Andersartige Menschen akzeptieren und verstehen.
Wichtig für die Anwendung: Macht über Ressourcen ist nicht gleichbedeutend mit guter Führung. Zwischenmenschliche Rücksicht bezeichnet hier das Vermeiden von Kränkungen; „Harmonie“ kann im Alltag deutlich mehr bedeuten. Klären Sie deshalb immer, was Sie persönlich mit einem Begriff verbinden. Es geht nicht darum, moralisch erwünschte Antworten zu geben.
Die Übung Schritt für Schritt
1. Für jeden Wert ein greifbares Beispiel finden
Gehen Sie die 19 Werte einzeln durch. Fragen Sie: „Woran könnte eine außenstehende Person in meinem gewählten Lebensbereich erkennen, dass dieser Wert wichtig ist?“ Für selbstbestimmtes Handeln könnte das heißen: „Die Projektleitung entscheidet innerhalb eines vereinbarten Budgets selbst über die Aufgabenverteilung.“
Sie dürfen sich die Beispiele ausdenken. Kennzeichnen Sie sie dann als Wunschbild oder Möglichkeit. Ein solches Beispiel macht einen Wert anschaulich, ist aber kein Beleg dafür, wie Sie oder andere tatsächlich handeln. Notieren Sie bei jedem Wert Ihr Beispiel und gegebenenfalls eine offene Bedeutungsfrage.
2. Die innere Bedeutung einschätzen
Bewerten Sie für jeden Wert: „Wie wichtig ist mir dieser Wert in Bezug auf meine Frage?“ Verwenden Sie eine Skala von 1 = keine Bedeutung bis 10 = sehr hohe Bedeutung. Bewerten Sie die Wichtigkeit, nicht, wie gut Sie den Wert bereits verwirklichen. Gleiche Zahlen sind erlaubt. Es gibt keine richtige Verteilung und keinen Gesamtwert, den Sie erreichen sollen.
3. Die äußere Bedeutung getrennt einschätzen
Bewerten Sie nun mit derselben Skala: „Welche Bedeutung hat dieser Wert aus meiner Sicht in dem beschriebenen Umfeld?“ Halten Sie die zweite Einschätzung separat fest. Notieren Sie dazu konkrete Beobachtungen und Unsicherheiten. Eine vermutete Erwartung der Geschäftsführung und eine schriftlich festgelegte Regel sind unterschiedliche Informationsgrundlagen. Wenn Sie die äußere Bedeutung nicht einschätzen können, lassen Sie das Feld offen und formulieren eine Klärungsfrage.
4. Beide Seiten sichtbar vergleichen
Schreiben Sie beide Zahlen auf die jeweilige Wertekarte oder nebeneinander auf ein Blatt. Legen Sie die Karten auf einem Tisch oder auf dem Boden aus. Sortieren Sie zunächst nach Ihrer eigenen Priorität und danach nach der wahrgenommenen äußeren Priorität. Fotografieren oder notieren Sie die erste Anordnung, bevor Sie umsortieren.
- Welche Werte sind innen und außen ähnlich wichtig?
- Welche drei Werte stehen auf jeder Seite im Vordergrund?
- Wo liegen Unterschiede, und welche davon betreffen Ihre konkrete Situation?
- Welche Unterschiede erleben Sie als belastend, welche können nebeneinander bestehen?
- Was ist durch das Sortieren klarer geworden? Welche Annahme ist noch offen?
- Was wäre anders, wenn ein innerer oder äußerer Wert mehr oder weniger Gewicht hätte?
Die letzte Frage ist ein Gedankenexperiment. Sie verpflichtet Sie nicht, eigene Überzeugungen aufzugeben. Auch ein großer Zahlenunterschied ist kein objektives Konfliktmaß. Entscheidend sind Bedeutung, Handlungsmöglichkeiten und die Qualität Ihrer Informationen.
Fiktives Beispiel: Eigenständigkeit und Freigaben
Eine Projektleiterin bewertet selbstbestimmtes Handeln innen mit 9 und außen mit 3. Regelkonformität bewertet sie innen mit 5 und außen mit 9. Zunächst lautet ihre Schlussfolgerung: „Ich passe nicht in dieses Unternehmen.“
Bei den Beobachtungen stellt sich heraus: Zusätzliche Freigaben gelten vor allem bei ungeplanten Ausgaben. Für die Aufgabenverteilung gibt es bereits Spielraum. Die äußere Bewertung bezog sich also zunächst zu pauschal auf alles. Eine gemeinsame Orientierung wird ebenfalls sichtbar: Beide Seiten möchten verlässlich arbeiten.
Ihr nächster Schritt ist ein Gespräch über konkrete Entscheidungsgrenzen: „Bei welchen Ausgaben brauche ich eine Freigabe, und was kann ich selbst entscheiden?“ Ob daraus eine tragfähige Vereinbarung entsteht, bleibt offen. Die Übung hat die Frage präzisiert, ohne eine Lösung vorwegzunehmen.
Notizvorlage und nächster Schritt
Kopieren Sie diese Vorlage für jeden der 19 Werte oder übertragen Sie sie auf Karten:
- Meine Frage und die beiden Seiten: …
- Wert und meine persönliche Bedeutung: …
- Konkretes Beispiel, beobachtet oder ausgedacht: …
- Wichtigkeit innen, 1–10: …
- Wahrgenommene Wichtigkeit außen, 1–10 oder offen: …
- Beobachtungen, Vermutungen und offene Fragen: …
Schließen Sie die Auswertung mit drei Sätzen ab: „Verstanden habe ich …“, „Prüfen muss ich noch …“ und „Mein nächster Schritt bis … ist …“. Das kann ein Gespräch, eine Informationssuche oder ein kleiner Versuch mit einer veränderten Absprache sein. Wenn vor allem zwei eigene Werte miteinander konkurrieren, hilft ergänzend die Arbeit an Ihrer Wertehierarchie. Wenn passende Begriffe noch fehlen, können Sie Ihre Vorstellungen zunächst mit Wertebildern erkunden.
Häufige Fragen zu Wertekonflikten
Was unterscheidet einen inneren von einem äußeren Wertekonflikt?
Bei einem inneren Konflikt konkurrieren eigene Orientierungen, etwa Abenteuer und Sicherheit. Bei einem äußeren Konflikt geht es um die Spannung zwischen eigenen Werten und wahrgenommenen Werten oder Anforderungen des Umfelds. Beides kann gleichzeitig vorkommen.
Kann ich die Werte anderer Menschen selbst bewerten?
Sie können Ihre Wahrnehmung notieren. Damit wissen Sie noch nicht, was der anderen Person wirklich wichtig ist. Behandeln Sie die Einschätzung als Hypothese, suchen Sie Gegenbeispiele und fragen Sie nach.
Muss ich alle 19 Werte durchgehen?
Für die vollständige Übung gehen Sie alle 19 durch. So berücksichtigen Sie auch Begriffe, die zunächst nicht auffallen. Für ein späteres Gespräch können Sie sich auf die besonders wichtigen und klärungsbedürftigen Werte konzentrieren.
Was mache ich, wenn keine Lösung entsteht?
Halten Sie fest, was jetzt klarer ist und welche Informationen fehlen. Vereinbaren Sie im Coaching einen gesonderten nächsten Schritt zur Entwicklung und Prüfung von Optionen. Ein Konflikt lässt sich nicht allein durch Umdeuten lösen, wenn reale Handlungsspielräume oder Ressourcen fehlen.
Quelle
Schwartz, S. H., et al. (2012). Refining the theory of basic individual values. Journal of Personality and Social Psychology, 103(4), 663–688. Originalstudie, DOI: 10.1037/a0029393. Die Werteliste ist an Tabelle 2 orientiert; Bewertungen und Reflexionsfragen dienen hier der praktischen Gesprächsarbeit.
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