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Wunderfrage im Coaching: Anleitung, Beispiele und Übung

Die Wunderfrage zur Zielklärung: konkrete Formulierungen, passende Nachfragen und eine vollständige Übung für zwei Personen.

Warmes Morgenlicht und Pflanzenschatten fallen durch einen hellen Vorhang.

Foto: Elle Hughes / Unsplash · Unsplash License

Die Wunderfrage lädt dazu ein, eine erwünschte Zukunft zu beschreiben: Angenommen, das Anliegen wäre über Nacht ausreichend gelöst – woran würden Sie es am nächsten Morgen bemerken? Zunächst geht es um ein konkretes Bild der Veränderung. Wie diese zustande kommen könnte, wird erst anschließend erkundet.

Im Coaching kann die Frage helfen, aus einem allgemeinen Wunsch ein anschauliches Ziel zu entwickeln. Hier finden Sie eine Formulierung, passende Nachfragen und eine vollständige Übung für zwei Personen.

Woher kommt die Wunderfrage?

Die Wunderfrage gehört zur lösungsfokussierten Kurztherapie, die mit Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und ihrem Team verbunden ist. Das Solution-Focused Therapy Institute beschreibt sie als Einladung, den Alltag nach einer gewünschten Veränderung möglichst konkret zu schildern. Im Coaching wird diese Gesprächsidee zur Zielklärung genutzt.

Die Frage verspricht kein Wunder. Sie verschiebt vorübergehend den Blick: Statt sofort die Machbarkeit zu diskutieren, beschreibt die Person, was überhaupt anders sein soll. Das kann Wünsche und Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen. Es beweist weder, dass die Lösung schon unbewusst bekannt ist, noch dass alle dafür benötigten Ressourcen bereits vorhanden sind.

Wann passt die Wunderfrage?

Sie kann passen, wenn jemand beschreiben möchte, wie eine hilfreiche Veränderung aussehen könnte. Für eine Übung eignen sich überschaubare berufliche Anliegen: einen offenen Punkt ansprechen, den Arbeitstag ruhiger beginnen oder eine Aufgabe rechtzeitig angehen.

Sie passt weniger gut, wenn das Gegenüber zunächst eine belastende Erfahrung schildern möchte, wichtige Fakten fehlen oder das Gedankenexperiment als unpassend erlebt wird. Erklären Sie die Idee und fragen Sie nach Einverständnis. Eine ausführliche Problembeschreibung ist nicht automatisch schädlich; manchmal ist sie nötig, um die Person und ihren Auftrag zu verstehen.

„Ich würde gern mit Ihnen erkunden, woran Sie eine hilfreiche Veränderung erkennen würden. Dafür gibt es ein Gedankenexperiment, die Wunderfrage. Es geht zunächst um das gewünschte Ergebnis, noch nicht um den Weg dorthin. Möchten Sie das ausprobieren?“

Leitfaden: die Wunderfrage im Coaching einsetzen

1. Das Anliegen ausreichend verstehen

Lassen Sie die Person ihr Thema in eigenen Worten schildern. Klären Sie mit wenigen Diagnosefragen, worum es geht, was sie verändern möchte und was sie von Ihnen erwartet. Vertiefen Sie so weit, wie es für ein passendes und verantwortliches Gespräch nötig ist. Eine schnelle Intervention ist kein Selbstzweck.

2. Nach bereits erlebten Unterschieden fragen

Erkunden Sie, ob es zuletzt eine Situation gab, in der das Problem weniger ausgeprägt oder weniger wichtig war. Fragen Sie: „Was war anders? Woran haben Sie das bemerkt? Was hätten andere beobachten können?“ Falls keine Ausnahme einfällt, akzeptieren Sie das. Die Übung hängt nicht davon ab, dass sich eine passende Erinnerung finden lässt.

3. Das Gedankenexperiment einleiten

Verwenden Sie die Worte der Person für ihr Anliegen und sprechen Sie langsam genug, damit eine Vorstellung entstehen kann. Eine mögliche Formulierung lautet:

„Stellen Sie sich vor, Sie gehen heute Abend schlafen. Während Sie schlafen, geschieht ein Wunder: Das Anliegen, über das wir sprechen, ist so weit gelöst, wie Sie es sich wünschen. Sie wissen am Morgen noch nicht, dass dieses Wunder passiert ist. Woran würden Sie als Erstes bemerken, dass etwas anders ist?“

Fragen Sie an dieser Stelle noch nicht, was die Person getan hat, um das Ziel zu erreichen. Genau diese Erklärung darf im Gedankenexperiment zunächst fehlen. Wer das Wort „Wunder“ unpassend findet, kann stattdessen eine Variante nutzen: „Angenommen, die Situation entwickelt sich in eine für Sie hilfreiche Richtung – wie sähe ein guter Tag dann aus?“

4. Die Veränderung konkret beschreiben lassen

  • Was würden Sie direkt nach dem Aufwachen bemerken?
  • Was wäre an Ihrem Morgen oder Arbeitstag anders?
  • Was würden Sie tun oder sagen?
  • Wie würden Sie die Situation erleben?
  • Was würde einer anderen Person zuerst auffallen?
  • Wie könnte diese Person darauf reagieren?
  • Was fällt Ihnen noch auf?

Greifen Sie Antworten auf, statt die Fragen schnell nacheinander zu stellen. Aus „Ich wäre gelassener“ könnte werden: „Ich lese erst die Tagesplanung, bevor ich auf jede Nachricht reagiere.“ Fragen über andere Menschen erzeugen Vermutungen, keine sicheren Aussagen über deren Gedanken.

5. Verbindungen zum bisherigen Alltag suchen

Fragen Sie anschließend: „Gab es schon einmal einen Moment, der einem Teil dieses Bildes ähnelt? Was haben Sie damals erlebt oder getan? Welche Bedingungen und welche Unterstützung waren hilfreich?“ Es reicht eine kleine Ähnlichkeit; die ganze gewünschte Zukunft muss noch nie eingetreten sein.

Unterstellen Sie keine Erinnerung. Sätze wie „Sie kennen das schon, erinnern Sie sich nur“ können Druck erzeugen. Wenn keine Erfahrung passt, fragen Sie nach neu zu erschließenden Ressourcen: Welche Information, Fähigkeit, Vereinbarung oder Unterstützung wäre nötig?

6. Gemeinsam entscheiden, wie es weitergeht

Fassen Sie zusammen, welche Merkmale des Ziels deutlicher geworden sind. Zum Abschluss muss noch keine vollständige Lösung stehen. Vereinbaren Sie, ob Sie das Ziel weiter klären, eine Voraussetzung prüfen oder einen kleinen Versuch planen möchten.

Eine Skalierungsfrage kann anschließen: „Wo stehen Sie heute in Bezug auf dieses Bild, und was wäre ein kleiner nächster Unterschied?“ Entscheidend ist die konkrete Beschreibung hinter der Zahl. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Veränderung nach der Vorstellung von selbst eintritt.

Fiktives Beispiel: den Arbeitstag selbst beginnen

Ein Mitarbeiter erlebt seine ersten Arbeitsstunden als hektisch. Er öffnet sofort alle Nachrichten und wechselt dann ständig zwischen Aufgaben. Nach der Wunderfrage beschreibt er einen anderen Morgen: Er sieht zuerst auf seine drei wichtigsten Aufgaben und arbeitet 20 Minuten an einer davon.

Auf die Frage nach früheren ähnlichen Situationen erinnert er sich an einen Tag mit einem gemeinsam vereinbarten Zeitfenster ohne Besprechungen. Er hatte damals mehr Ruhe, weil das Team wusste, wann er wieder erreichbar war. Es fehlte also nicht nur an einem persönlichen Vorsatz; auch eine Absprache war hilfreich.

Als nächsten Schritt möchte er klären, an welchen Tagen ein kurzes konzentriertes Zeitfenster mit den Anforderungen seiner Arbeit vereinbar wäre. Das Zielbild wird so zu einer überprüfbaren Möglichkeit. Ob sie im Alltag hilft, zeigt erst die Erprobung.

Übung zu zweit: Zielbild und nächster Schritt

Planen Sie ungefähr 20 Minuten ein. Wählen Sie ein überschaubares eigenes oder fiktives Anliegen und vereinbaren Sie, dass jede Frage ausgelassen werden darf.

  1. Auftrag klären: Der Coachee beschreibt das Thema. Der Coach hört zu und prüft, ob die Wunderfrage dazu passt.
  2. Unterschiede erkunden: Fragen Sie nach einer etwas günstigeren Situation, ohne eine Antwort zu erzwingen.
  3. Gedankenexperiment durchführen: Stellen Sie die Wunderfrage und lassen Sie ausreichend Zeit. Sammeln Sie konkrete Merkmale des veränderten Alltags.
  4. Ressourcen und Voraussetzungen betrachten: Unterscheiden Sie bereits hilfreiche Erfahrungen von dem, was noch fehlt.
  5. Abschluss vereinbaren: Halten Sie eine neue Klarheit, eine offene Frage und gegebenenfalls einen kleinen Versuch fest.
  6. Rückmeldung geben: Was half beim Vorstellen? Wo enthielt eine Frage schon eine gewünschte Antwort? Konnte der Coachee das Tempo mitbestimmen?

Tauschen Sie für eine zweite Runde die Rollen. Der Coach nimmt sich eine konkrete Verbesserung vor, etwa weniger Nachfragen auf einmal zu stellen oder eine abstrakte Antwort genauer beschreiben zu lassen.

Reflexionshilfe zum direkten Ausfüllen

Notieren Sie die Antworten in eigenen Worten:

  • Mein Anliegen: Was möchte ich klären oder verändern?
  • Der erste Unterschied: Woran würde ich die Veränderung bemerken?
  • Beobachtbares Verhalten: Was würde ich konkret anders tun oder sagen?
  • Das Umfeld: Welche Reaktionen oder Rahmenbedingungen wären wichtig?
  • Vorhandenes und Fehlendes: Was hilft bereits, was müsste hinzukommen?
  • Mein nächster Schritt: Was kläre oder erprobe ich bis wann?

Die Wunderfrage ist ein möglicher Einstieg in die Zielarbeit. Sie ersetzt weder eine gemeinsame Auftragsklärung noch die Planung und Auswertung der Umsetzung. Wenn das Zukunftsbild gemischte Gefühle auslöst, können Sie diese mit einer Affektbilanz getrennt erkunden.

Quelle und Einordnung

Solution-Focused Therapy Institute: What is Solution-Focused Therapy? Hintergrund zu Wunderfrage und lösungsfokussierter Gesprächsführung. Die hier formulierte Coaching-Übung ist eine praktische Anwendung, keine Erfolgsgarantie.

Weiterdenken.

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