Zielkino: Zielbilder im Coaching erkunden
Zielkino Schritt für Schritt: 21 Merkmale innerer Vorstellungen, vollständiger Gesprächsleitfaden, Beispiel und Arbeitsvorlage mit konkretem Transfer.

Foto: James Thompson / Unsplash.
Wie möchten Sie eine wichtige Situation künftig gestalten? Beim Zielkino vergleichen Sie eine heutige Szene mit einer erwünschten Zukunft. Sie beschreiben, was Sie darin tun, sehen, hören und körperlich wahrnehmen. Anschließend entwickeln Sie einen konkreten nächsten Schritt.
Die Übung ist ein freiwilliges Reflexionsangebot für ein überschaubares Coachinganliegen. Sie benötigen einen Coach, einen Coachee und etwas zum Notieren. Planen Sie als praktische Orientierung etwa 25 bis 40 Minuten ein. Ein lebendiger innerer Film ist keine Voraussetzung: Beschreibungen, Stichworte oder Skizzen eignen sich ebenso.
Was sind Zielbilder und Submodalitäten?
Ein Zielbild ist eine Vorstellung davon, woran Sie eine erwünschte Veränderung erkennen würden. Es kann eine anschauliche Szene sein oder eine sachliche Beschreibung. Ein Beispiel: „Im nächsten Teamtreffen spreche ich meinen Vorschlag in zwei verständlichen Sätzen aus und höre die Rückfragen an.“
In der NLP-geprägten Praxis werden einzelne Eigenschaften einer Vorstellung als Submodalitäten bezeichnet: etwa ihre Helligkeit, die vorgestellte Lautstärke einer Stimme oder eine wahrgenommene Körperspannung. Hier dienen diese Begriffe als Beschreibungsangebote. Sie sind weder eine Diagnose noch ein Nachweis, dass eine bestimmte Veränderung der Vorstellung ein Ziel erreichbar macht.
Es geht um das subjektive Erleben einer vorgestellten oder erinnerten Situation, nicht um ihre objektiven Eigenschaften. Eine leiser vorgestellte Stimme verändert weder das tatsächlich Gesagte noch das Verhalten des Gegenübers. Ein angenehmes Gefühl ist eine Rückmeldung über das Erleben, kein Beweis für die Richtigkeit eines Plans. Dafür braucht es zusätzliche Informationen und Erfahrungen im Alltag.
21 Merkmale zum Erkunden einer Vorstellung
Wählen Sie die Merkmale aus, die der Coachee selbst wahrnimmt. Niemand muss alle Felder ausfüllen oder einen Sinneseindruck erzeugen. Die Eigenschaften können sich überschneiden; sie bilden kein vollständiges oder diagnostisch validiertes Kategoriensystem.
| Visuell: Sehen | Auditiv: Hören | Kinästhetisch: Körperempfindungen |
|---|---|---|
| Schärfe: klar oder verschwommen | Dauer: kurz oder lang | Temperatur: warm oder kalt |
| Kontrast: stark oder schwach | Entfernung: nah oder fern | Beschaffenheit und Struktur: rau oder glatt, weich oder hart |
| Helligkeit: hell oder dunkel | Geschwindigkeit und Tempo: schnell oder langsam | Dauer: lang oder kurz |
| Größe: klein oder groß | Klangcharakter: weich oder hart | Druck: stark oder schwach |
| Farbtemperatur: warme oder kalte Farben | Lautstärke: laut oder leise | Gewicht: leicht oder schwer |
| Farbigkeit: einfarbig oder mehrfarbig, bunt oder schwarz-weiß | Rhythmus: gleichmäßig oder unregelmäßig | Bewegung: bewegt oder ruhig |
| Bewegung: stehendes Foto oder laufender Film | Tonhöhe: hoch oder tief | Intensität: stark oder schwach |
Manche Menschen bemerken solche Unterschiede sofort, andere erst beim Nachfragen oder gar nicht. Das ist kein Misserfolg. Fragen Sie beispielsweise: „Würden Sie die Situation lieber mit wenigen Worten beschreiben?“ Auch ein Satz wie „Ich spreche hastig und verliere meinen Gedanken“ kann ein guter Ausgangspunkt sein.
Was Forschung zur mentalen Simulation zeigt
Vorstellungen eines Ergebnisses und Vorstellungen des Weges dorthin erfüllen unterschiedliche Aufgaben. In einer Studie von Pham und Taylor (1999) stellten sich Studierende im ersten Studienjahr fünf bis sieben Tage vor einer Prüfung den Lernprozess, eine gute Note oder beides vor; eine weitere Bedingung diente der Selbstbeobachtung. Die Prozesssimulation ging mit mehr Lernen und besseren Noten einher. Die Autoren berichten Planung und geringere Ängstlichkeit als vermittelnde Faktoren.
Dieser Befund betrifft eine konkrete Prüfungsvorbereitung. Er prüft weder das hier beschriebene Zielkino noch die Wirksamkeit von NLP-Submodalitäten. Die praktische Ableitung für diese Übung lautet deshalb: Ergänzen Sie das gewünschte Ergebnis um Handlungen, Hindernisse und Voraussetzungen. Eine Vorstellung allein ersetzt keinen umsetzbaren Plan.
Zielkino: vollständiger Leitfaden zu zweit
1. Ziel, Rahmen und Einverständnis klären
Der Coachee wählt ein eigenes, überschaubares Anliegen. Klären Sie, was die Übung leisten soll: etwa ein Ziel genauer beschreiben oder eine konkrete Handlung vorbereiten. Vereinbaren Sie, wer Notizen macht und dass jede Frage ausgelassen werden darf. Die Augen können offen bleiben. Eine schriftliche Variante ist jederzeit möglich.
Diese Anleitung ist für alltägliche Coachingfragen gedacht. Werden Erinnerungen stark belastend oder überwältigend, unterbrechen Sie die Vorstellung und orientieren sich wieder an der aktuellen Umgebung. Drängen Sie nicht auf eine Fortsetzung oder Intensivierung. Die Übung ist keine Anleitung zur Bearbeitung traumatischer Erfahrungen oder zur Behandlung psychischer Erkrankungen.
2. Die heutige Situation und eine Skala beschreiben
Der Coach fragt nach einer konkreten Situation, in der das Ziel noch nicht erreicht ist:
- Womit sind Sie unzufrieden?
- Was stört Sie?
- Wie verhalten Sie sich, was denken Sie und was nehmen Sie wahr?
Vereinbaren Sie eine Skala von 1 bis 10 für das eigene Verhalten in dieser Situation. Der Coachee legt die Bedeutung der Endpunkte fest, etwa 1 für „sehr weit von meinem gewünschten Verhalten entfernt“ und 10 für „für mich ausreichend gut“. Fragen Sie: „Wo stehen Sie heute, und woran machen Sie diese Zahl fest?“ Notieren Sie Zahl und Beschreibung auf einer Karte oder am Flipchart. Die Zahl ist eine persönliche Einschätzung, kein objektiver Messwert.
3. Den Ist-Film erkunden
Eine mögliche Einladung lautet: „Wenn Sie möchten, stellen Sie sich einen kurzen Film vor, in dem Sie selbst die Hauptrolle spielen. Er zeigt die gerade beschriebene Situation, in der Sie Ihr Ziel noch nicht erreicht haben. Nehmen Sie sich etwas Zeit und beschreiben Sie, was Ihnen auffällt.“ Alternativ erzählt der Coachee die Szene in wenigen Sätzen.
- Was sehen Sie?
- Was hören Sie?
- Was nehmen Sie in Bezug auf Ihren Körper wahr?
Der Coach notiert die vom Coachee genannten Merkmale. Nutzen Sie die Tabelle bei Bedarf für einzelne Nachfragen. Beobachtbare Veränderungen in Mimik, Gestik oder Haltung erlauben keine sicheren Rückschlüsse auf Gedanken. Fragen Sie offen nach, statt sie zu deuten: „Sie machen gerade eine Pause. Was ist Ihnen aufgefallen?“ Bei unangenehmen Empfindungen entscheidet der Coachee, ob eine kurze Beschreibung reicht, eine andere Szene passt oder die Übung endet.
4. Den gewünschten Zustand und die zweite Einschätzung entwickeln
Fragen Sie: „Angenommen, Sie hätten Ihr Ziel ausreichend erreicht: Wie wäre diese Situation dann?“ Erkunden Sie:
- Womit sind Sie jetzt zufrieden?
- Was gefällt Ihnen gut?
- Wie verhalten Sie sich, was denken Sie und was nehmen Sie wahr?
Der Coachee ordnet das gewünschte Verhalten auf derselben Skala mit denselben Endpunkten ein. Fragen Sie: „Welcher Unterschied wäre für Sie bedeutsam?“ Ein kleiner Fortschritt kann genügen. Vergrößern Sie den Abstand nicht künstlich. Wenn das Bild noch nicht passt, formuliert der Coachee es anders oder wählt ein anderes Ziel. Es muss kein idealer Zustand ohne jede Schwierigkeit entstehen.
5. Den Ziel-Film erkunden
Laden Sie zu einem zweiten kurzen Film ein: „Sie selbst sind wieder die Hauptperson. Diesmal zeigt die Szene, wie Sie Ihr gewünschtes Verhalten umsetzen. Lassen Sie sich Zeit und achten Sie darauf, was anders ist.“ Wer ohne Bilder arbeitet, beschreibt die beiden Situationen nebeneinander.
- Was sehen Sie im Ziel-Film?
- Was hören Sie im Ziel-Film?
- Was nehmen Sie in Bezug auf Ihren Körper wahr?
Halten Sie die wichtigen Merkmale in einer zweiten Spalte fest. Unterscheiden Sie dabei vorgestellte Handlungen von vermuteten Reaktionen anderer: Dass Sie Ihren Vorschlag ruhig aussprechen möchten, bedeutet nicht, dass alle zustimmen werden.
6. Optional mit der Darstellungsweise experimentieren
Wenn der Coachee es ausprobieren möchte, kehren Sie zur Vorstellung des Ist-Films zurück. Verändern Sie versuchsweise einzelne Eigenschaften der Darstellung in Richtung des Ziel-Films. Der Inhalt der Szene bleibt dabei gleich. Es wird weder die Vergangenheit umgeschrieben noch eine tatsächliche Situation verändert.
- Wie wirkt der Film, wenn Farben heller oder dunkler werden? Was verändert sich zwischen farbig und schwarz-weiß?
- Wie wirken Stimmen, wenn sie langsamer oder schneller, lauter oder leiser klingen?
- Was fällt auf, wenn Sie den Klang Ihrer eigenen Stimme oder einer anderen Stimme in der Vorstellung verändern?
- Falls es im Ziel-Film eine passende Hintergrundmusik gibt: Wie wäre der Ist-Film mit dieser Musik?
Der Coachee kann gedanklich vor- und zurückspulen, eine Szene anhalten oder langsamer ablaufen lassen. Wählen Sie ein Merkmal nach dem anderen und lassen Sie Pausen. Häufige Nachfragen sind nicht nötig. Jede Veränderung darf zurückgenommen werden; neutral, unpassend oder unangenehm sind ebenso mögliche Rückmeldungen wie hilfreich. Ohne sinnliche Vorstellung kann die Person stattdessen zwei Beschreibungen vergleichen, etwa „hastig sprechen“ und „nach dem ersten Satz kurz warten“.
7. Unterschiede auswerten und in Handeln übersetzen
Fragen Sie zunächst: „Welche Unterschiede zwischen Ist- und Ziel-Film waren besonders eindrücklich? Was davon war hilfreich, was nicht?“ Wenn ein Merkmal als nützlich erlebt wurde, kann eine kurze Notiz, ein Wort oder eine Skizze daran erinnern. Das ist eine selbst gewählte Erinnerungshilfe, kein automatischer Auslöser für Erfolg.
- Welche Entwicklung möchten Sie in der nächsten Zeit konkret angehen?
- Was wäre ein realistischer nächster Schritt?
- Wie führen Sie ihn aus, und wann beginnen Sie?
- Welche Schwierigkeit könnte auftreten? Wie möchten Sie damit umgehen?
- Welche Information, Unterstützung oder Rahmenbedingung fehlt noch?
- Woran prüfen Sie anschließend, was tatsächlich hilfreich war?
Erproben Sie gedanklich nun auch den Ablauf dieses nächsten Schritts. Dazu kann ein Wenn-Dann-Plan passen. Vereinbaren Sie einen Rückblicktermin. Die Umsetzung darf zu einer Anpassung des Ziels führen.
Fiktives Beispiel: einen Vorschlag im Teamtreffen äußern
Eine Mitarbeiterin möchte ihren Vorschlag klarer vorstellen. Im Ist-Film hört sie sich schnell sprechen und bemerkt Spannung in den Schultern. Auf ihrer Skala steht sie bei 3. Im Ziel-Film spricht sie zwei vorbereitete Sätze, wartet kurz und fragt nach Rückfragen. Eine 6 wäre für sie bereits ein bedeutsamer Fortschritt.
Sie probiert aus, ihre vorgestellte Stimme langsamer klingen zu lassen. Das wirkt für sie angenehmer, beseitigt aber nicht die Sorge vor Widerspruch. Deshalb plant sie zusätzlich eine konkrete Antwort: „Welcher Punkt ist für Sie noch unklar?“ Am Vortag notiert sie ihre zwei Sätze und spricht sie einmal mit einer Kollegin durch. Nach dem Treffen prüft sie, ob sie ihren Vorschlag eingebracht hat und welche Rückfragen tatsächlich kamen. Zustimmung aller Beteiligten ist kein Erfolgskriterium, das sie allein kontrollieren könnte.
Arbeitsvorlage direkt zum Übernehmen
Teilen Sie ein Blatt in die Bereiche „Heute“, „Gewünschte Situation“ und „Nächster Versuch“. Füllen Sie folgende Punkte aus:
- Anliegen: Daran möchte ich arbeiten …
- Heute: Diese konkrete Szene beschreibt meinen Ausgangspunkt … Mein Verhalten, Denken und Wahrnehmen … Meine Skala mit Endpunkten … Meine heutige Einschätzung mit Begründung …
- Ist-Film: Das sehe ich … Das höre ich … Das nehme ich körperlich wahr … Alternativ meine Beschreibung in Worten …
- Ziel: Damit wäre ich zufrieden … Das würde mir gefallen … So würde ich handeln, denken und wahrnehmen … Mein gewünschter Skalenwert und der bedeutsame Unterschied …
- Ziel-Film: Das sehe, höre und spüre ich … Alternativ meine Beschreibung …
- Optionales Experiment: Dieses Darstellungsmerkmal probiere ich anders … So erlebe ich die Veränderung … Das möchte ich beibehalten oder verwerfen …
- Transfer: Diesen Schritt mache ich bis … So gehe ich dabei vor … Darauf bereite ich mich vor … Diese Unterstützung brauche ich … Am … werte ich meinen Versuch anhand von … aus.
Häufige Fragen
Muss ich innere Bilder sehen können?
Nein. Nutzen Sie Worte, kurze Szenenbeschreibungen oder eine Skizze. Lassen Sie nicht passende Sinnesfragen aus. Das Ziel ist eine verständliche Beschreibung und ein sinnvoller nächster Schritt, keine möglichst lebhafte Vorstellung.
Ist Zielkino eine wissenschaftlich nachgewiesene Methode?
Die hier angeführte Studie untersucht mentale Simulation bei der Prüfungsvorbereitung. Sie belegt nicht diesen konkreten Coachingablauf oder die Wirkung einzelner Submodalitäten. Nutzen Sie das Zielkino als Praxishilfe und prüfen Sie gemeinsam, ob es für das Anliegen nützlich ist.
Was tun, wenn sich der Ist-Film unangenehm anfühlt?
Unterbrechen Sie ihn. Der Coachee entscheidet, ob eine sachliche Kurzbeschreibung, eine andere Situation oder ein Ende der Übung passt. Stark belastende Erfahrungen werden mit dieser Anleitung nicht weiterbearbeitet.
Wie unterscheidet sich Zielkino von anderen Zielmethoden?
Das Zielkino erkundet besonders die subjektiven Unterschiede zwischen einer aktuellen und einer erwünschten Szene. Die Wunderfrage hilft beim Beschreiben einer gewünschten Zukunft; SMART-Fragen konkretisieren das Vorhaben. Wählen Sie den Zugang nach Anliegen und Vorlieben, statt alle Methoden nacheinander abzuarbeiten.
Wissenschaftliche Quelle
Lien B. Pham und Shelley E. Taylor (1999): From Thought to Action: Effects of Process-Versus Outcome-Based Mental Simulations on Performance. Personality and Social Psychology Bulletin, 25(2), 250–260. Empirische Untersuchung zur Prüfungsvorbereitung; die Anleitung, das Beispiel und die Arbeitsvorlage sind praktische Ausarbeitungen und kein in dieser Studie getestetes Interventionspaket.
Weiterdenken.
Wunderfrage im Coaching: Anleitung, Beispiele und Übung
Die Wunderfrage zur Zielklärung: konkrete Formulierungen, passende Nachfragen und eine vollständige Übung für zwei Personen.
Das Lebensrad im Karriere-Coaching: Ein Kompass für beruflichen Erfolg
Im Karriere-Coachings ist es entscheidend, Methoden zu nutzen, die nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch in der Praxis effektiv sind. Das Lebensrad, ein etabliertes Tool im Coaching,…
Mottoziele als Methode für das Ziel-Coaching nutzen.
Mottoziele sind Haltungsziele, bei denen es nicht um ein bestimmtes Ergebnis geht, sondern eher um ein bestimmtes Tun oder Erleben, oder eine bestimmte Haltung, die der Coachee…
