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Divergentes Denken: Perspektiven und neun Kreativitätsübungen

Alternativen entwickeln, Annahmen prüfen und Perspektiven wechseln: sechs Denkhüte, die Neun-Punkte-Aufgabe und neun vollständig erklärte Kreativitätsübungen.

Fächer aus unterschiedlich breiten, mit Farbresten bedeckten Pinseln

Foto: Steve A Johnson / Unsplash

Wenn ein Problem immer wieder zur gleichen Antwort führt, lohnt sich eine Phase des offenen Suchens. Divergentes Denken bedeutet, mehrere unterschiedliche Möglichkeiten zu entwickeln. Die folgenden Methoden helfen dabei, Perspektiven zu wechseln und selbst gesetzte Grenzen zu erkennen. Sie sind praktische Übungen, keine diagnostischen Tests und kein Nachweis für eine allgemeine Steigerung der Kreativität.

Divergent und konvergent denken

In der offenen Phase sammeln Sie Alternativen: Welche anderen Erklärungen, Formen oder Vorgehensweisen sind möglich? In der anschließenden Auswahlphase vergleichen Sie die Vorschläge mit dem Ziel und den tatsächlichen Bedingungen. Konvergentes Denken bündelt und prüft. Für eine brauchbare Lösung werden beide Arbeitsweisen benötigt.

Der Ausdruck laterales Denken ist mit Edward de Bono verbunden. Dabei geht es um das bewusste Verlassen vertrauter Denkrichtungen. Das ist mit divergentem Denken verwandt, aber kein austauschbarer Fachbegriff. Ein ungewöhnlicher Einfall ist außerdem noch keine gute Entscheidung. Grundlagen und Forschungsgrenzen erläutert der Beitrag Kreativität verstehen und fördern.

Vier Regeln für eine offene Suchphase

  • Assoziationen zulassen: Notieren Sie auch unfertige Einfälle, Bilder und spontane Verbindungen. Sie müssen sie noch nicht vollständig begründen können.
  • Bewertung verschieben: Sammeln Sie für eine vereinbarte Zeit, bevor Sie Richtigkeit, Nutzen und Machbarkeit prüfen. Fakten bleiben Fakten; lediglich die Auswahl der Ideen wartet.
  • Annahmen sichtbar machen: Schreiben Sie auf, welche Bedingung ausdrücklich vorgegeben wurde und welche Sie selbst hinzugefügt haben.
  • Vorwissen nutzen und erweitern: Klären Sie notwendige Informationen. Sicherheitsregeln, Rechte anderer und reale Ressourcen verschwinden nicht dadurch, dass Sie anders denken.

Die sechs Denkhüte: Gemeinsam die Perspektive wechseln

De Bonos sechs Denkhüte trennen unterschiedliche Denkaufgaben. In der ursprünglichen Methode arbeiten die Beteiligten zur gleichen Zeit mit derselben Perspektive. Die Hüte sind keine festen Persönlichkeitstypen und werden nicht dauerhaft an einzelne Menschen verteilt. Die Beschreibung des parallelen Denkens und die Darstellung der sechs Hüte erläutern das Modell.

  • Weiß – Informationen: Was wissen wir? Was fehlt? Welche Angaben sind überprüft und welche nur angenommen?
  • Rot – Gefühle und Intuition: Welche spontane Reaktion entsteht? Sie darf benannt werden, ohne sie als Beweis für eine Behauptung auszugeben.
  • Schwarz – begründete Risiken: Wo könnte der Vorschlag scheitern? Welche Einwände lassen sich konkret begründen?
  • Gelb – Nutzen und Chancen: Welchen Wert könnte die Idee schaffen, und unter welchen Voraussetzungen?
  • Grün – Alternativen: Welche weiteren Möglichkeiten oder Veränderungen sind denkbar?
  • Blau – Steuerung: Welche Frage bearbeiten wir, wie gehen wir vor und was halten wir als Ergebnis fest?

Für eine etwa 25-minütige Runde benötigen Sie eine sichtbare Frage und Papier oder ein gemeinsames Dokument. Farbige Gegenstände sind optional; schreiben Sie die Perspektivnamen dazu, damit die Methode auch ohne Farberkennung verständlich bleibt.

  1. Starten Sie mit Blau: „Wie können wir die Übergabe zwischen zwei Schichten verbessern?“ Klären Sie Ziel, Zeitrahmen und wer das Ergebnis verwenden wird.
  2. Sammeln Sie unter Weiß drei Minuten lang bekannte Abläufe und fehlende Informationen. Kennzeichnen Sie Vermutungen.
  3. Benennen Sie unter Rot kurz spontane Reaktionen, beispielsweise Erleichterung oder Skepsis. Diskutieren Sie diese Äußerungen zunächst nicht.
  4. Entwickeln Sie unter Grün fünf Minuten lang Alternativen: eine kurze Checkliste, ein gemeinsames Übergabefenster oder eine sichtbare Übersicht offener Aufgaben.
  5. Betrachten Sie unter Gelb den möglichen Nutzen. Prüfen Sie anschließend unter Schwarz konkrete Schwierigkeiten wie Doppelpflege oder fehlende Zugriffsrechte.
  6. Kehren Sie bei Bedarf zu Grün zurück und verändern Sie die Vorschläge. Beenden Sie mit Blau: Welche Idee wird von wem bis wann in kleinem Umfang getestet?

Die Reihenfolge ist ein möglicher Ablauf, keine verpflichtende Standardsequenz. Moderation und Zeiteinteilung richten sich nach der Frage. Als andere geordnete Suchmethode eignet sich die Disney-Strategie.

Wenn Sie feststecken: Drei Schritte zur nächsten Handlung

  1. Beobachten: Beschreiben Sie eine konkrete Situation ohne pauschales Urteil. Statt „Die Kommunikation funktioniert nie“: „In zwei Übergaben fehlte die Information zum Liefertermin.“
  2. Bisherige Versuche prüfen: Was haben Sie bereits verändert? Was ist danach tatsächlich passiert? Unterscheiden Sie Beobachtung und Erklärung. Ursachenanalyse bleibt sinnvoll; vermeiden Sie lediglich, dieselbe erfolglose Erklärung endlos zu wiederholen.
  3. Eine Alternative erproben: Verändern Sie einen überschaubaren Teil des Vorgehens und legen Sie fest, woran Sie eine Verbesserung erkennen. Im Beispiel könnte das ein Pflichtfeld für den Liefertermin sein.

Eine ergänzende Frage lautet: „Woran würde ich morgen als Erstes merken, dass das Problem besser gelöst ist?“ Daraus lassen sich beobachtbare Ziele ableiten. Die Wunderfrage führt diese Perspektive weiter. Sie ersetzt weder fehlende Ressourcen noch notwendige fachliche Klärung.

Funktionale Fixierung: Ein Gegenstand kann mehr als seine übliche Aufgabe

Im klassischen Kerzenproblem von Karl Duncker stehen gedanklich eine Kerze, Streichhölzer und eine Schachtel mit Reißzwecken zur Verfügung. Die Kerze soll an einer Wand befestigt werden. Die entscheidende Umdeutung besteht darin, die geleerte Schachtel als Ablage zu betrachten, statt nur als Behälter. Dunckers 1945 erschienene englische Veröffentlichung behandelt solche Probleme produktiven Denkens.

Nutzen Sie das Beispiel ausschließlich als Denkaufgabe: Die beschriebene Konstruktion ist keine sichere Anleitung zum Befestigen einer brennenden Kerze. Für den Alltag lautet die übertragbare Frage: „Welche Eigenschaften hat dieses Hilfsmittel außer seiner üblichen Verwendung?“ Bei einem Dokument kann das beispielsweise bedeuten, es auch als Gesprächsgrundlage oder Checkliste zu verwenden.

Die Neun-Punkte-Aufgabe mit vollständiger Lösung

Zeichnen Sie neun Punkte in drei gleichmäßig angeordneten Reihen. Verbinden Sie alle Punkte mit vier geraden Linien in einem zusammenhängenden Zug, ohne den Stift abzusetzen. Richtungswechsel sind nur zwischen den vier Linien erlaubt. Die Linien dürfen über das gedachte Quadrat hinausgehen; ein Punkt darf erneut berührt werden.

A   B   C
D   E   F
G   H   I

Versuchen Sie es zunächst zwei Minuten lang. Die häufig zusätzlich angenommene Regel „Ich muss innerhalb des Quadrats bleiben“ gehört nicht zur Aufgabe. Auch ein Verbot, einen Punkt erneut zu berühren, gehört nicht zu dieser hier beschriebenen Variante.

  1. Beginnen Sie bei G unten links. Ziehen Sie die erste Linie diagonal durch E bis C oben rechts.
  2. Ziehen Sie von C die zweite Linie waagerecht nach links durch B und A. Gehen Sie über A hinaus bis zu einem Punkt, der eine Punktdistanz links von A liegt.
  3. Ziehen Sie von dort die dritte Linie diagonal nach rechts unten durch D und H. Beenden Sie sie eine Punktdistanz unter I.
  4. Ziehen Sie die vierte Linie senkrecht nach oben durch I und F bis C. Damit haben Sie alle neun Punkte mit vier verbundenen Geraden erreicht.

Die Aufgabe zeigt eine mögliche selbst gesetzte Begrenzung. Sie beweist nicht, dass jedes reale Problem durch das Überschreiten einer Grenze lösbar wäre. Übertragen Sie deshalb die Frage nach unbegründeten Annahmen, nicht die pauschale Aufforderung, Regeln zu missachten.

Neun kurze Kreativitätsübungen

Wählen Sie zwei oder drei Aufgaben, die Sie ansprechen. Nehmen Sie sich jeweils etwa fünf Minuten und notieren Sie zunächst mehrere Antworten. Vergleichen Sie anschließend, welche Denkbewegung Ihnen leichtfiel und wo Sie automatisch eine zusätzliche Regel eingeführt haben. Die Beispiele sind mögliche Lösungen, keine Bewertungsskala.

1. Ein Wort wird zum Satz

Schreiben Sie HEUTE senkrecht auf. Bilden Sie einen Satz, dessen Wörter nacheinander mit H, E, U, T und E beginnen. Eine Möglichkeit ist: „Hanna entdeckt unerwartet tolle Einfälle.“ Finden Sie zwei weitere Sätze. Wiederholen Sie die Aufgabe mit einem eigenen Wort. Hier gibt die Buchstabenfolge eine feste Bedingung vor, während der Inhalt offenbleibt.

2. Ein Quadrat auf verschiedene Arten teilen

Zeichnen Sie mehrere gleich große Quadrate. Teilen Sie jedes in vier Teile, die innerhalb dieses Quadrats dieselbe Form und Größe haben. Finden Sie unterschiedliche Aufteilungen. Drei Lösungen sind: ein senkrechter und ein waagerechter Schnitt durch die Mitte ergeben vier kleine Quadrate; drei gleichmäßig verteilte parallele Schnitte ergeben vier gleiche Streifen; beide Diagonalen ergeben vier kongruente Dreiecke. Die Teilstücke müssen nicht in allen Varianten dieselbe Form besitzen.

3. Eine ungewöhnliche Fähigkeit durchdenken

Stellen Sie sich als Fantasieaufgabe vor, Sie könnten Geräusche aus 500 Metern Entfernung deutlich hören. Was wäre im Alltag anders? Sammeln Sie je drei mögliche Vorteile, Schwierigkeiten und benötigte Schutzmöglichkeiten. Etwa: entfernte Naturgeräusche wahrnehmen, von zu vielen Geräuschen abgelenkt werden, Aufmerksamkeit gezielt begrenzen können. Es geht um das Durchdenken einer erfundenen Voraussetzung.

4. Lebensmittel mit F

Notieren Sie möglichst viele Lebensmittel oder Gerichte, die mit F beginnen. Mögliche Antworten sind Feige, Fenchel, Fisch, Feta, Feldsalat und Falafel. Suchen Sie anschließend bewusst in anderen Kategorien: Obst, Gemüse, Gewürze, regionale Gerichte. Beobachten Sie, ob der Kategorienwechsel neue Einfälle eröffnet.

5. Neue Verwendungen für eine Büroklammer

Finden Sie mindestens fünf Verwendungen, bei denen die Büroklammer keine Papierblätter zusammenhält. Denkbar sind ein Lesezeichen, ein Zeiger an einer selbst gebauten Skala, ein Teil einer kleinen Drahtfigur, ein Anhänger an einem Geschenkschild oder eine Markierung an einer Stoffkante. Prüfen Sie danach Material und Zweck; scharfe Enden oder Belastungen können eine Idee ungeeignet machen. Wiederholen Sie die Aufgabe mit einer leeren Flasche, einer Zahnbürste, einem Telefonhörer oder einem Notenständer.

6. Dreißig Kilometer anders zurücklegen

Zwischen Musterstadt und Beispieldorf liegen 30 Kilometer. Sammeln Sie möglichst unterschiedliche Möglichkeiten, diese Strecke zurückzulegen. Beginnen Sie mit naheliegenden Varianten wie Fahrrad, Bahn oder Fußweg und ergänzen Sie erfundene Möglichkeiten wie eine Seilbahn zwischen beiden Orten. Sortieren Sie erst danach: heute verfügbar, unter bestimmten Bedingungen möglich, reine Fantasie.

7. Eine Farbe als Suchauftrag

Wählen Sie Ihre Lieblingsfarbe. Listen Sie Gegenstände und Erscheinungen in dieser Farbe auf. Suchen Sie anschließend in mindestens vier Bereichen, etwa Küche, Natur, Kleidung und Technik. Für Grün könnten das eine Gurke, Moos, ein Schal und eine Kontrollleuchte sein. Ergänzen Sie eine ungewöhnliche Kombination oder ein kleines Gestaltungsvorhaben aus zwei Ihrer Fundstücke.

8. Zwei Menschen und ein kleines Boot

Zwei Menschen möchten einen Fluss überqueren. Das einzige Boot trägt jeweils nur eine Person. Beide kommen mit diesem Boot auf die andere Seite. Wie ist das möglich? Halten Sie vor der Lösung fest, was ausdrücklich gesagt wurde und was Sie sich zusätzlich vorgestellt haben.

Lösung: Die beiden stehen zu Beginn an gegenüberliegenden Ufern. Die erste Person fährt hinüber und überlässt dort der zweiten das Boot. Die zweite fährt damit in die Gegenrichtung. Nun befinden sich beide jeweils am anderen Ufer. Eine gemeinsame Ausgangsseite war nicht vorgegeben.

9. Ein mehrdeutiges Bild betrachten

Zeichnen Sie eine einfache eigene Figur: einen großen Kreis, darunter eine kurze senkrechte Linie und an deren unterem Ende zwei schräg nach unten laufende Linien. Lassen Sie die Figur ohne Beschriftung. Sie kann beispielsweise wie ein Ballon mit gespaltenem Band, eine stark vereinfachte Person, ein Baum mit Wurzeln oder ein erfundenes Zeichen aussehen.

Drehen Sie das Blatt um 90 Grad und anschließend auf den Kopf. Notieren Sie mindestens drei weitere mögliche Deutungen. Fragen Sie eine zweite Person, was sie darin sieht, bevor Sie Ihre Ideen nennen. Als Alternative zeichnen Sie einen unregelmäßigen geschlossenen Umriss und verfahren ebenso. Entscheidend ist der Wechsel zwischen möglichen Lesarten. Daraus lassen sich keine Aussagen über Persönlichkeit oder psychische Gesundheit ableiten.

Vom Üben zum Alltag

Wählen Sie eine wiederkehrende Situation: die Wahl eines Sitzplatzes in der Straßenbahn, den Beginn Ihres Arbeitstags mit E-Mails oder Ihre Reaktion auf einen ärgerlichen Hinweis. Beschreiben Sie Ihr übliches Verhalten und entwickeln Sie drei Alternativen. Beispielsweise könnten Sie morgens zunächst eine wichtige Aufgabe beginnen, E-Mails zu einer festgelegten Zeit bearbeiten oder Nachrichten nach Dringlichkeit sichten.

Prüfen Sie, welche Alternative zu Ihren tatsächlichen Verpflichtungen passt. Bei Ärger geht es um die nächste Handlung, etwa eine kurze Pause oder eine klärende Nachfrage; Gefühle lassen sich nicht einfach auf Kommando auswählen. Erproben Sie eine kleine Veränderung und notieren Sie das Ergebnis. Die Übung wird dadurch zu einer konkreten Entscheidungshilfe.

Häufige Fragen

Wie lange sollte eine Ideensammlung dauern?

Für eine überschaubare Frage können fünf bis zehn Minuten ein guter Ausgangspunkt sein. Komplexe Aufgaben benötigen oft Vorbereitung und mehrere Runden. Legen Sie vorab fest, wann Sie sammeln und wann Sie auswählen, damit beide Arbeitsweisen Raum erhalten.

Sollte beim grünen Hut wirklich jede Idee erlaubt sein?

Unfertige und ungewöhnliche Vorschläge dürfen auftauchen. Die Würde anderer Menschen und notwendige Sicherheitsgrenzen bleiben verbindlich. Ein Gedanke kann außerdem als reine Fantasie gekennzeichnet werden, ohne daraus eine Handlungsempfehlung zu machen.

Zeigt eine schnelle Rätsellösung hohe Kreativität?

Nicht zuverlässig. Vielleicht kennt die Person die Aufgabe bereits oder hat Erfahrung mit ähnlichen Rätseln. Nutzen Sie die Aufgaben zur Reflexion von Annahmen und Suchwegen, nicht zum Vergleich oder zur Einstufung von Menschen.

Weiterdenken.

Ideen

Kreativität verstehen und fördern

Wie kreative Ideen entstehen: Grundlagen, Serendipity, Forschungsbefunde und praktische Übungen für neue Perspektiven im Alltag und im Team.