Handlungswirksame Ziele: Drei Kriterien und ein Ideenkorb
Zielsätze mit drei Fragen prüfen: erwünschte Richtung, eigener Einflussbereich und persönliche Stimmigkeit. Mit Ideenkorb, Beispiel und vollständigem Arbeitsblatt.

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Ein Zielsatz kann vernünftig klingen und trotzdem wenig Orientierung für den Alltag geben. Ein kurzer Check hilft, genauer hinzusehen: Beschreibt er eine erwünschte Richtung? Bezieht er sich auf den eigenen Beitrag? Und passt er zur Person, die ihn umsetzen möchte? Diese Fragen greifen drei Kriterien aus dem Zürcher Ressourcen Modell auf und ergänzen sie um einen konkreten Handlungsschritt.
Was bedeutet „handlungswirksames Ziel“ im ZRM?
Das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) wurde von Maja Storch und Frank Krause als Selbstmanagement-Training entwickelt. Es bezieht Gedanken, Gefühle und körperliches Erleben in die Zielarbeit ein. Eine wichtige Rolle spielen Haltungsziele: kurze Sätze darüber, wie jemand einer Situation begegnen möchte. Sie werden auch Mottoziele genannt.
„Ich bleibe neugierig und vertrete meinen Standpunkt“ ist ein Haltungsziel. „In der nächsten Besprechung stelle ich eine Rückfrage und nenne anschließend meinen wichtigsten Punkt“ beschreibt dagegen eine Handlung. Die Haltung kann eine Richtung für verschiedene Situationen anbieten. Welche Handlung dazu passt, muss jeweils entwickelt und ausprobiert werden.
Krause und Storch nennen in ihrer Modellbeschreibung von 2006 drei Kernkriterien: Annäherungsorientierung, eigene Kontrolle und einen positiven somatischen Marker. „Handlungswirksam“ ist hier eine Bezeichnung innerhalb des Modells. Die Erfüllung der Kriterien ist kein Nachweis, dass eine Person ihr Ziel sicher erreichen wird. Der folgende Check ist eine praktische Anwendung dieser Ideen, kein standardisierter Test und kein vollständiges ZRM-Training.
Drei Fragen für einen passenden Zielsatz
1. Beschreibt das Ziel, wohin Sie möchten?
Ein Annäherungsziel benennt etwas Erwünschtes. Aus „Ich möchte mich nicht ständig übergehen lassen“ könnte werden: „Ich bringe meine Sicht klar und respektvoll ein.“ Die zweite Formulierung macht die gewünschte Richtung deutlicher.
Das heißt nicht, dass Vermeidungsziele oder das Wort „nicht“ grundsätzlich falsch wären. Grenzen müssen benannt werden dürfen. Fragen Sie ergänzend: Was möchte ich stattdessen tun? Welche Qualität soll mein Handeln haben? Woran könnte ich einen kleinen Fortschritt erkennen?
2. Liegt der angesprochene Beitrag in Ihrem Einflussbereich?
Die ursprüngliche ZRM-Formulierung fordert vollständige eigene Kontrolle. Für den Alltag ist es wichtig, zwischen dem eigenen Beitrag und dem Gesamtergebnis zu unterscheiden. „Alle nehmen mich ernst“ hängt auch von anderen ab. „Ich erläutere meinen Standpunkt und frage nach der Rückmeldung“ beschreibt eher das eigene Handeln.
Auch der eigene Handlungsspielraum ist begrenzt. Zeit, Zuständigkeiten, Gesundheit, Machtverhältnisse oder verfügbare Unterstützung lassen sich nicht durch einen Zielsatz wegformulieren. Notieren Sie deshalb: Was kann ich beitragen? Wovon bin ich abhängig? Welche Absprache oder Unterstützung brauche ich? Wenn eine Voraussetzung fehlt, darf sie selbst zum Gegenstand der Zielarbeit werden.
3. Erleben Sie die Formulierung als persönlich stimmig?
Das ZRM achtet auf positive somatische Marker. Damit sind im Modell körperliche oder emotionale Signale gemeint, die mit einer Bewertung verbunden werden, etwa ein Gefühl von Zuversicht oder ein angenehmes Erleben beim Gedanken an das Ziel. Sie sollen als zusätzliche Information in die Entscheidung einfließen.
Fragen Sie: Was löst der Satz bei mir aus? Was daran spricht mich an? Was fühlt sich übertrieben, fremd oder widersprüchlich an? Ein gutes Gefühl ist weder notwendig noch hinreichend für Erfolg. Auch ein sinnvolles Ziel kann Anstrengung, Unsicherheit oder gemischte Gefühle auslösen. Formulieren Sie deshalb nicht endlos um, bis jede Irritation verschwunden ist.
Ein Coach kann nach dem Erleben fragen, sollte es aber nicht aus einem Lächeln, der Atmung oder einer Körperhaltung sicher abzulesen versuchen. Die Person selbst entscheidet, ob ein Satz passt. Körperempfindungen liefern keinen unfehlbaren Zugang zu verborgenem Wissen und ersetzen keine sachliche Prüfung des Vorhabens.
Vom vagen Wunsch zur bewussten Absicht
Das ZRM erweitert die Arbeit mit dem Rubikon-Modell um die Klärung zunächst wenig bewusster Bedürfnisse. Modellhaft wird aus einem noch unklaren Anliegen ein bewusstes Motiv und daraus eine Absicht. Ein Bedürfnis ist dabei nicht einfach dasselbe wie ein Wert: „Ich brauche mehr Ruhe“ beschreibt etwas anderes als „Mir ist Verlässlichkeit wichtig“. Beides kann bei der Zielklärung eine Rolle spielen.
Für das Gespräch können Sie fragen: Was fehlt mir gerade? Was wünsche ich mir mehr? Warum ist mir das wichtig? Welche unterschiedlichen Wünsche stehen nebeneinander? Wofür möchte ich mich vorläufig entscheiden? Diese Fragen sind eine Einladung zur Selbstklärung. Sie erfordern keine Deutung vermeintlich unbewusster Bedürfnisse durch andere.
Der Schritt zur Absicht könnte lauten: „Ich möchte ausprobieren, meine Sicht in Besprechungen früher einzubringen.“ Erst danach wird geplant, wie dies in einer konkreten Situation geschehen kann. Ein stimmiger Haltungszielsatz erzeugt das passende Verhalten nicht automatisch.
Übung: Ein Ideenkorb für Ihren Zielsatz
Im ZRM werden Ideen anderer als Angebote gesammelt, aus denen die betreffende Person auswählt. Dieser Ideenkorb kann in einer Gruppe, zu zweit oder als schriftliche Ideensammlung genutzt werden. Planen Sie für die folgende eigene Kurzfassung etwa 15 bis 20 Minuten. Sie benötigen ein Blatt und einen Stift.
- Anliegen wählen: Beschreiben Sie eine überschaubare berufliche Situation und was Sie darin anders erleben oder tun möchten. Schreiben Sie einen ersten, noch unvollkommenen Zielsatz auf.
- Ideen sammeln: Notieren Sie mehrere Wörter, Satzanfänge, Vergleiche oder mögliche Formulierungen. Zu zweit oder in der Gruppe können andere Vorschläge beisteuern, sofern Sie das möchten. Angebote werden nicht als Diagnose oder als vermeintlich richtige Lösung präsentiert.
- Sammeln und Bewerten trennen: Während der Sammlung werden die Vorschläge zunächst festgehalten. Anschließend wählen Sie selbst aus, was Sie anspricht. Sie dürfen Ideen ablehnen oder verändern. Hinweise auf reale Risiken werden nicht unter dem Etikett „positiv denken“ ausgeschlossen.
- Ein bis zwei Sätze bilden: Verbinden Sie passende Begriffe zu einer Haltung, zum Beispiel „Ich trete klar auf und bleibe im Austausch“. Prüfen Sie jeden Satz mit den drei Fragen: erwünschte Richtung, eigener Beitrag, persönliche Stimmigkeit.
- Einwände ernst nehmen: Notieren Sie, was noch nicht passt. Braucht es andere Worte, eine kleinere Absicht, mehr Information oder eine Klärung der Rahmenbedingungen? Gemischte Gefühle sind ein Anlass zum Nachfragen, kein Fehler der Übung.
- In eine Handlung übersetzen: Wählen Sie eine bevorstehende Situation. Was möchten Sie dort konkret tun? Wann ist die Gelegenheit? Was brauchen Sie dafür? Ergänzen Sie bei Bedarf einen Wenn-Dann-Plan.
- Auswerten: Legen Sie fest, wann Sie den Versuch betrachten. Was haben Sie tatsächlich getan? War der Satz hilfreich? Welche Bedingung hat unterstützt oder behindert? Entscheiden Sie, was Sie beibehalten oder verändern möchten.
Fiktives Beispiel: Sichtbar werden, ohne sich zu verstellen
Mira möchte, dass ihre Vorschläge im Projektteam mehr Beachtung finden. Der Satz „Alle erkennen meine Kompetenz“ liegt nicht allein in ihrer Hand. Im Ideenkorb sammeln sie und ihr Coach unter anderem „klar“, „hörbar“, „neugierig“, „Standpunkt“ und „im Austausch bleiben“. Mira verwirft „Ich dominiere den Raum“, weil es nicht zu ihr passt.
Sie wählt: „Ich mache meine Sicht hörbar und bleibe neugierig.“ Der Satz gefällt ihr, zugleich bleibt die Sorge, unterbrochen zu werden. Sie muss diese Sorge nicht wegdrücken. Stattdessen plant sie für die nächste Besprechung, ihren Vorschlag früh einzubringen und bei einer Unterbrechung um einen kurzen Moment zum Abschluss zu bitten. Zusätzlich bespricht sie mit der Moderation, wie Redeanteile verteilt werden.
Nach der Besprechung prüft Mira ihre Handlung und die Gesprächsbedingungen. Ob alle ihren Vorschlag gut finden, bleibt offen. Der Zielsatz ersetzt weder die Beteiligung anderer noch eine faire Moderation.
Arbeitsblatt in sieben Zeilen
- Meine Situation und mein Anliegen: …
- Wörter und Ideen aus meinem Ideenkorb: …
- Mein vorläufiger Haltungszielsatz: …
- Mein eigener Beitrag und wichtige Abhängigkeiten: …
- Was für mich passt und welche Einwände bleiben: …
- Meine nächste Handlung mit Gelegenheit und Unterstützung: …
- Mein Rückblicktermin und meine Lernfrage: …
Wenn die Richtung bereits klar ist und Sie direkt einen ersten Schritt planen möchten, nutzen Sie die Kurzintervention zur Zielklärung. Die persönliche Bedeutung eines Ziels lässt sich zusätzlich mit den Fragen zum Goal Commitment prüfen.
Häufige Fragen
Ist ein Haltungsziel dasselbe wie ein messbares Ergebnisziel?
Nein. Ein Haltungsziel beschreibt eine gewünschte Art des Handelns oder Erlebens. Ein Ergebnisziel benennt einen angestrebten Zustand. Beides kann zusammenpassen, braucht aber für den Alltag konkrete Handlungen und eine Überprüfung.
Muss ein Ziel sich ausschließlich gut anfühlen?
Nein. Das ZRM betont positive somatische Marker als Modellkriterium. Daraus folgt nicht, dass ein sinnvolles Ziel ohne Unsicherheit oder Anstrengung auskommen muss. Nehmen Sie Zustimmung und Einwände gleichermaßen ernst.
Was tue ich, wenn das Ergebnis von anderen abhängt?
Trennen Sie Ihren Beitrag vom gemeinsamen Ergebnis. Planen Sie auch die nötigen Absprachen. Eine Abhängigkeit ist kein persönliches Versagen und muss nicht sprachlich unsichtbar gemacht werden.
Kann ich den Ideenkorb allein nutzen?
Ja. Schreiben Sie zunächst mehrere Ideen auf, ohne sofort die beste auswählen zu wollen. Prüfen Sie sie anschließend in einem getrennten Schritt. Weitere Personen können zusätzliche Angebote machen; die Auswahl bleibt bei Ihnen.
Quelle und Einordnung
Krause, F., & Storch, M. (2006). Ressourcenorientiert coachen mit dem Zürcher Ressourcen Modell – ZRM. Psychologie in Österreich, 26(1), 32–43. Von Maja Storch bereitgestellter Volltext. Der Beitrag beschreibt das Modell und seine Anwendung. Der hier vorgestellte Check und das Arbeitsblatt sind praktische Ableitungen; für diese Kurzfassung wird keine gesondert geprüfte Wirksamkeit behauptet.
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