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Coaching mit Stühlen: Ressourcen aus früheren Erfahrungen nutzen

Eine vollständige Zeitreise mit zwei Stühlen: Perspektiven erkunden, einen optionalen Dialog führen und hilfreiche Erfahrungen in konkrete Alltagsschritte übersetzen.

Zwei gepolsterte Stuhlsitze mit karierten Kissen an einem kleinen Café-Tisch.

Foto: Ahmed / Unsplash

Zwei Stühle können zwei Perspektiven sichtbar machen: die heutige Herausforderung und eine frühere Erfahrung, in der etwas besser gelang. Beim Coaching mit Stühlen wechselt die Person freiwillig zwischen diesen Positionen und betrachtet anschließend, welche Ideen für den Alltag brauchbar sind. Der Stuhl dient als räumliche Markierung. Er erzeugt weder automatisch ein bestimmtes Gefühl noch beweist er etwas über verborgene innere Anteile.

Die folgende „Zeitreise“ ist eine praktische Reflexionsstruktur für überschaubare berufliche oder alltägliche Anliegen. Sie lässt sich mit Stühlen, Karten oder schriftlich durchführen. Ein Beispiel: Eine Führungskraft möchte in angespannten Gesprächen wieder klarer nachfragen und erinnert sich an eine frühere Phase, in der ihr das leichter fiel.

Wofür Stühle im Coaching stehen können

Räumliche Positionen können unterschiedliche Möglichkeiten, Situationen, Personen oder metaphorische innere Stimmen markieren. So lassen sich zwei Entscheidungsalternativen gegenüberstellen oder verschiedene Anliegen eines inneren Teams unterscheiden. Die Positionierung ähnelt Aufstellungsarbeit; sie ist hier eine Darstellungsform für die Sicht der Person, keine objektive Abbildung einer Beziehung oder eines Systems.

Der Wechsel kann helfen, eine Perspektive zeitweise genauer zu erkunden und sie anschließend wieder zu verlassen. Ob das gelingt und angenehm ist, wird jeweils geprüft. Gefühle sind nicht an einen Stuhl gebunden. Aufstehen allein stellt weder Abstand noch Sicherheit her. Ziel ist ein verständlicher Wechsel zwischen Erkundung, Reflexion und konkreter Handlung.

Vorbereitung und Grenzen

  • Einverständnis: Erklären Sie vorab, was ausprobiert wird. Fragen dürfen ausgelassen, Rollen abgelehnt und die Übung jederzeit beendet werden. Vereinbaren Sie ein Stoppsignal. Niemand muss lebhaft imaginieren, sich emotional öffnen oder „mitspielen“.
  • Getrennte Plätze: Verwenden Sie zwei zusätzliche Übungsstühle. Der gewöhnliche Gesprächsplatz bleibt eine Meta-Position außerhalb der Rollen. Von dort aus wird der Ablauf besprochen. Stellen Sie die Stühle erst für die Übung auf und räumen Sie sie am Ende wieder weg oder kennzeichnen Sie ausdrücklich das Ende.
  • Klare Übergänge: Benennen Sie jeden Wechsel. Zwischen zwei Perspektiven kann die Person zunächst zum Gesprächsplatz zurückkehren und sich im tatsächlichen Raum orientieren. Das ist besonders sinnvoll vor dem Wechsel von einer angespannten Szene zu einer hilfreichen Erinnerung.
  • Passendes Thema: Wählen Sie eine überschaubare Alltagssituation. Die Begleitung benötigt Erfahrung im Umgang mit emotionalen Reaktionen und muss ihre fachlichen Grenzen beachten. Eine vertrauensvolle Beziehung ersetzt diese Kompetenz nicht.
  • Abbruch und Unterstützung: Stuhlarbeit kann aufwühlen, auch ohne bekannte psychische Erkrankung. Bei Überforderung, Panik, starkem Weggetretensein oder überwältigenden Erinnerungen wird das Rollenspiel beendet. Zurück ins gewöhnliche Gespräch, aktuelle Bedürfnisse klären und bei anhaltender erheblicher Belastung fachliche Unterstützung organisieren. Diese Anleitung ist keine Behandlung von Traumafolgen oder psychischen Erkrankungen.

Planen Sie Zeit zum Abschluss ein. Prüfen Sie, ob die Person sich ausreichend orientiert und gesammelt fühlt, bevor sie weiterarbeitet oder fährt. Ein ruhiger Übergang oder ein Spaziergang kann passen, ist aber keine Garantie, dass Belastung abklingt. Ein zusätzlicher selbst gewählter Ruheplatz ist möglich; nennen Sie ihn nicht einen automatisch „sicheren Ort“.

Zeitreise mit zwei Stühlen: die vollständige Anleitung

1. Anliegen und gewünschte Veränderung klären

Fragen Sie: Wobei soll die Übung helfen? Welche konkrete Szene zeigt die Schwierigkeit? Was wäre eine kleine, beobachtbare Verbesserung? Lassen Sie die Person kurz beschreiben, was sie wahrnimmt, erlebt und tut. Konkretisierende Fragen helfen mehr als eine pauschale Bewertung der Person.

Eine Einladung kann lauten: „Möchten Sie zwei Perspektiven auf zwei Stühlen ausprobieren? Einer steht für Ihre heutige Situation, der andere für eine frühere hilfreiche Erfahrung. Danach prüfen wir, was davon heute passt. Sie können auch sitzen bleiben und die beiden Perspektiven nur beschreiben.“

2. Den Heute-Stuhl benennen

Beschriften Sie den ersten Übungsstuhl etwa mit „Projektgespräch heute“. Die Person setzt sich nur auf Wunsch darauf und schildert die Szene aus ihrer Sicht. Es genügt ein kurzer Rückblick; ein intensives Nacherleben ist nicht erforderlich.

  • Was geschieht in dieser Situation?
  • Was nehmen Sie bei sich und um sich herum wahr?
  • Wie erleben Sie den Moment, und wie reagieren Sie?
  • Was möchten Sie an Ihrem eigenen Verhalten verändern?
  • Welche Rahmenbedingungen oder Unterstützung fehlen möglicherweise?

Gehen Sie anschließend gemeinsam aus der Rolle. Die Schwierigkeit wird nicht ausschließlich als fehlende innere Ressource behandelt: Ein unklarer Auftrag oder eine unrealistische Arbeitsmenge kann eine äußere Veränderung erfordern.

3. Einen Ressourcen-Stuhl für eine frühere Erfahrung einrichten

Suchen Sie eine konkrete, tatsächlich erlebte und heute ausreichend angenehme Situation, in der etwas von der gewünschten Fähigkeit verfügbar war oder das Problem weniger ausgeprägt auftrat. Sie muss nicht vollkommen gelungen sein. Benennen Sie den zweiten Stuhl mit einem passenden Wort, etwa „Ruhe“, „Klarheit“, „früheres Projekt“ oder schlicht „Ressourcen“.

Die Person kann sich erinnern, wie alt sie ungefähr war, wo sie sich befand, wie sie damals aussah und welche Menschen oder Lebensumstände dazugehörten. Frisur, Brille, Familie oder Arbeitsumfeld sind mögliche Erinnerungshilfen, keine Pflichtfragen. Keine Details müssen ergänzt oder erfunden werden.

Vom zweiten Stuhl aus – oder schriftlich – erkundet sie die frühere Perspektive:

  • Wie geht es Ihnen beim Erinnern? Ist es angenehm genug, dabei zu bleiben?
  • Wie war es, als die heutige Schwierigkeit nicht oder weniger vorhanden war?
  • Was war damals anders?
  • Was haben Sie selbst anders gemacht?
  • Wie verhielten sich andere, und welche Unterstützung war verfügbar?
  • Was bedeutete das für Beruf, Familie, Selbstwert oder Selbstvertrauen, soweit diese Bereiche hier relevant sind?
  • Welche Fähigkeiten, Strategien oder Bedingungen waren hilfreich?

Wenn keine passende Erinnerung auftaucht, ist das kein Misserfolg. Wechseln Sie zu aktuellen Hilfen oder zu einer ausdrücklich erfundenen Zukunftsoption. Erinnern und Vorstellen bleiben dabei klar getrennt.

4. Von außen auf den Transfer schauen

Kehren Sie zum normalen Gesprächsplatz zurück. Bereits hier kann die Übung enden. Fragen Sie:

  • Welche der damaligen Ressourcen könnte heute noch passen?
  • Was würden Sie damit anders wahrnehmen, erleben oder tun?
  • Welche konkrete Strategie lässt sich übertragen?
  • Was ist heute anders und braucht eine neue Lösung?
  • Welche Unterstützung müssten Sie erst organisieren?

Eine erinnerte Erfahrung kann Zuversicht geben. Sie belegt jedoch weder, dass dieselbe Strategie heute funktioniert, noch, dass alle benötigten Fähigkeiten schon vorhanden sind. Prüfen Sie die Übertragung an der konkreten Aufgabe.

5. Optional: Ein Gespräch zwischen heutigem und früherem Ich

Wenn die Person weiterarbeiten möchte, kann sie nochmals die Ressourcenperspektive einnehmen. Der Coach übernimmt mit ausdrücklichem Einverständnis auf dem Heute-Stuhl die fragende Rolle des heutigen Ichs. Eine Einleitung könnte lauten: „Ich möchte dein damaliges Vorgehen besser verstehen. Heute erlebe ich die Situation so …“

  • Was würdest du mir aus deiner damaligen Perspektive raten?
  • Wie würdest du dich in dieser Situation verhalten?
  • Was könnte ich von dir lernen?
  • Welche Ideen hast du?
  • Was sagt deine Erfahrung zu meiner heutigen Frage?

Der Coach fragt offen und respektvoll. Er drängt nicht auf eine besonders tiefe oder emotionale Antwort. Die Person entscheidet, ob diese Form zu ihr passt; Humor und Fantasie sind Angebote, keine Voraussetzungen für gute Mitarbeit.

6. Rollen tauschen und die eigenen Antworten hören

Nach einer ausdrücklich benannten Unterbrechung wechselt die Person auf den Heute-Stuhl. Der Coach nimmt auf Wunsch die frühere Perspektive ein und gibt ausschließlich die eben genannten Antworten sinngemäß oder, wenn passend, wörtlich wieder. Er ergänzt keine eigenen Ratschläge als angebliche Weisheit des früheren Ichs. Die Person darf korrigieren: „So habe ich das nicht gemeint.“

Bei Bedarf folgt ein weiterer Wechsel: Die Person antwortet wieder aus der Ressourcenperspektive, danach hört sie ihre Antwort aus heutiger Sicht. Sobald der Coach den Ablauf steuert oder nach Befinden fragt, verlässt er die gespielte Rolle und den Übungsstuhl. Rollenrede und Prozessbegleitung bleiben erkennbar getrennt.

7. Abschluss und Erprobung

Beide verlassen die Rollen und kehren ins gewöhnliche Gespräch zurück. Was war hilfreich, was nicht? Was hat die Person aus ihrer früheren Erfahrung verstanden? Formulieren Sie einen kleinen nächsten Schritt mit einem konkreten Anlass und einem Zeitpunkt für den Rückblick. Stellen Sie die Übungsstühle zurück. Die Perspektiven waren Arbeitsbilder, keine voneinander getrennten Persönlichkeiten, die nun buchstäblich zusammengefügt werden müssten.

Fiktives Beispiel: Klar bleiben im Mitarbeitergespräch

Eine Führungskraft erlebt wiederholte Rückfragen als Provokation. Auf dem Heute-Stuhl bemerkt sie: Sie erklärt immer schneller und unterbricht ihr Gegenüber. Ihr Ziel lautet, zunächst den offenen Punkt zu verstehen.

Als frühere hilfreiche Erfahrung wählt sie die Leitung einer Projektgruppe. Damals schrieb sie ungeklärte Fragen sichtbar auf und klärte erst die Priorität. Im optionalen Dialog lautet ihr Rat an das heutige Ich: „Du musst nicht alles sofort beantworten. Frage, welche Entscheidung gerade gebraucht wird.“

Zurück im Gespräch vereinbart sie einen Versuch: Bei der nächsten Rückfrage sagt sie „Welcher Punkt ist für Ihre nächste Handlung entscheidend?“ Zugleich prüft sie, ob die Zuständigkeiten überhaupt klar sind. Nach dem Gespräch hält sie fest, ob sie nachgefragt hat und was tatsächlich geschah. Das ist ein mögliches Beispiel, kein vorhergesagter Verlauf.

Varianten und ihre Grenzen

  • Zukunftsperspektive: Der zweite Stuhl steht für eine vorgestellte Zukunft, in der eine gewünschte Handlung besser gelingt. Was tut die Person dort konkret? Welche Fähigkeit oder Unterstützung wäre nötig? Die Zukunftsszene ist eine Idee, kein Beleg vorhandener Kompetenzen und keine Vorhersage. Dazu passt die Wunderfrage.
  • Vorbildperspektive: Die Person stellt sich vor, wie ein selbst gewähltes Vorbild mit der Aufgabe umgehen könnte. Welche Verhaltensweise wäre übertragbar, welche nicht? Die Antworten sind eigene Vorstellungen über das Vorbild, kein Wissen über dessen tatsächliche Gedanken.
  • Heute auf eine frühere Schwierigkeit schauen: Bei einer überschaubaren alten Alltagssituation kann die heutige Perspektive fragen: Was verstehe ich heute anders? Welche Hilfe hätte ich damals gebraucht? Welchen respektvollen Satz möchte ich meinem früheren Ich sagen? Das Geschehen wird dadurch nicht verändert. Belastende Schuld-, Trauma- oder Missbrauchserinnerungen sollen mit dieser Coachinganleitung nicht intensiviert oder therapeutisch bearbeitet werden.
  • Ohne Stühle: Karten auf einem Tisch, klar benannte sichere Positionen im Raum oder zwei Spalten auf Papier erfüllen denselben Ordnungszweck. Ein Platz am Fenster kann eine Zukunftsidee markieren. Bewegung und räumliche Zuordnung sind optional und kein nachgewiesener Wirkverstärker.

Notizvorlage

  • Mein heutiges Anliegen und die konkrete Szene: …
  • So möchte ich stattdessen handeln: …
  • Meine frühere hilfreiche Erfahrung: …
  • Damals hilfreich: eigenes Vorgehen / andere Menschen / Bedingungen: …
  • Davon heute passend: …
  • Heute anders oder noch fehlend: …
  • Mein eigener Rat aus dem Dialog: …
  • Meine nächste Handlung und ihr Anlass: …
  • Rückblick am / tatsächliches Ergebnis / Anpassung: …

Forschung und Praxismodell auseinanderhalten

Stuhldialoge kommen in verschiedenen psychotherapeutischen Ansätzen und in der Beratung vor. Hedlunds Buch Mit Stift und Stuhl (2011) ist eine praktische Methodensammlung, kein Wirksamkeitsnachweis für diesen einzelnen Ablauf.

Goldman, Greenberg und Angus (2006) verglichen bei 38 Menschen mit einer depressiven Erkrankung zwei Therapien über 16 bis 20 Sitzungen: personzentrierte Therapie und eine Kombination mit emotionsfokussierten Interventionen. Beide Gruppen verbesserten sich; bei Symptombelastung waren die Verbesserungen in der emotionsfokussierten Bedingung größer. Untersucht wurde ein Therapiepaket. Daraus folgt kein Nachweis, dass eine kurze Zeitreise mit Stühlen im Coaching wirksam oder nebenwirkungsfrei ist.

Greenberg und Bolger (2001) beschreiben therapeutische Veränderungsprozesse anhand fachlicher Überlegungen und eines Fallbeispiels. Auch diese Veröffentlichung belegt keine allgemeine Sicherheitsgarantie. Die hier beschriebene Anwendung bleibt eine freiwillige Reflexionshilfe mit überprüfbarem Alltagstransfer.

Häufige Fragen

Muss ich auf den anderen Stuhl wechseln?

Nein. Sie können die Perspektiven aus dem normalen Gespräch heraus beschreiben oder schriftlich gegenüberstellen. Ein Stuhlwechsel ist ein Angebot.

Darf der Coach als mein früheres Ich eigene Lösungen anbieten?

In dieser Rolle gibt er nur Ihre zuvor formulierten Aussagen wieder. Eigene Vorschläge müssen außerhalb des Rollenspiels klar als solche benannt werden und können abgelehnt werden.

Was ist, wenn die frühere Erfahrung nicht mehr passt?

Dann ist das eine wichtige Erkenntnis. Prüfen Sie, was heute anders ist und welche neue Unterstützung oder Fähigkeit benötigt wird. Die Übung muss keine übertragbare Ressource ergeben.

Kann ich dadurch unangenehme Gefühle sicher abstellen?

Nein. Die Stühle ordnen Perspektiven; sie sind keine Schalter für Gefühle. Bei zunehmender Belastung ist Unterbrechen angemessener als das Erzwingen einer positiven Reaktion.

Quellen

Weitere passende Anleitungen: Ressourcen-Rucksack für hilfreiche Erfahrungen und innerer Kritiker für einen klar abgegrenzten Dialog über Selbstkritik.

Weiterdenken.