Rubikon-Modell: Vom Abwägen zum Handeln
Das Rubikon-Modell unterscheidet Abwägen, Planen, Handeln und Bewerten. Mit fünf Reflexionsfragen und einer Übung für den nächsten Schritt.
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Ein Ziel wählen, seine Umsetzung planen, handeln und das Ergebnis bewerten: Das Rubikon-Modell unterscheidet vier Aufgaben auf dem Weg vom Wunsch zur Handlung. Im Coaching hilft es zu klären, welche Unterstützung gerade passt. Wer noch zwischen Zielen abwägt, braucht andere Fragen als jemand, der bereits einen konkreten Schritt umsetzen möchte.
Motivation und Volition unterscheiden
Motivation betrifft hier die Auswahl und Bewertung eines Ziels: Was möchte ich erreichen und warum? Volition bezeichnet Prozesse, mit denen eine Absicht in Handeln umgesetzt und gegen Ablenkungen geschützt wird: Wann, wo und wie fange ich an, und wie bleibe ich bei Schwierigkeiten handlungsfähig?
Heinz Heckhausen und Peter M. Gollwitzer untersuchten 1987 in experimentellen Aufgaben Unterschiede vor und nach einer Entscheidung. Vor der Entscheidung bezogen sich Gedanken stärker auf Attraktivität und Erfolgsaussichten, danach stärker auf die Umsetzung. Unterschiede bei Gedächtnisaufgaben deuteten auf eine veränderte Aufnahmebereitschaft für Informationen hin. Das ist keine Aussage, dass Menschen nach einer Entscheidung „immun“ gegen neue Informationen wären, und keine Aufforderung, Warnzeichen zu ignorieren. Die Laborbefunde sind außerdem kein direkter Wirksamkeitsnachweis für einen Coachingablauf.
Die vier Phasen des Rubikon-Modells
1. Abwägen: Welches Ziel möchte ich verfolgen?
Sie sammeln Informationen über den persönlichen Wert und die Erreichbarkeit verschiedener Möglichkeiten. Was spricht für dieses Ziel, was dagegen? Welche Folgen hätte es für andere Anliegen oder Beteiligte? Offenheit für neue Informationen ist hier besonders wichtig. Erwartung und Wert sowie der Öko-Check bieten dafür Fragen.
Die Entscheidung für ein Ziel bildet im Modell den Übergang über den „Rubikon“. Damit wird aus einer erwogenen Möglichkeit eine Absicht. Die Flussmetapher steht für diesen Wechsel der Aufgabe, nicht für ein unwiderrufliches Versprechen.
2. Planen: Wie mache ich den Anfang?
Jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Umsetzung: Welcher erste Schritt ist nötig? Wann und wo lässt er sich ausführen? Welche Mittel und welche Unterstützung brauche ich? Eine konkrete Zielformulierung und Wenn-Dann-Pläne können die Planung unterstützen.
Es ist sinnvoll, nicht jede Entscheidung bei jeder Ablenkung neu aufzurollen. Ebenso sinnvoll ist es, relevante neue Informationen ernst zu nehmen. Veränderte Anforderungen, fehlende Zustimmung oder unvertretbare Folgen können eine Rückkehr zum Abwägen nötig machen.
3. Handeln: Umsetzen und flexibel reagieren
Sie beginnen und führen die vorgesehenen Schritte aus. Dabei beobachten Sie, was funktioniert. Bei Schwierigkeiten kommen mehrere Antworten infrage: Unterstützung holen, das Vorgehen anpassen, eine Pause einlegen oder das Ziel verändern. Mehr Anstrengung ist nicht automatisch die richtige Lösung.
Ein Ziel schützt die Richtung; ein Plan muss dennoch auf die tatsächliche Situation reagieren können. Legen Sie deshalb vorab fest, welche Hindernisse einen Planwechsel und welche Entwicklungen einen Abbruch oder eine erneute Zielprüfung auslösen sollen.
4. Bewerten: Was lerne ich aus dem Ergebnis?
Sie vergleichen Ergebnis und Ziel. Was wurde erreicht, was blieb offen? Welche Erklärungen haben Sie für Erfolg oder Misserfolg, und welche Beobachtungen stützen diese Erklärungen? Berücksichtigen Sie Vorgehen, Rahmenbedingungen und Beiträge anderer, statt alles auf eine feste persönliche Eigenschaft zurückzuführen.
Die Bewertung kann zum Abschluss führen: Die Absicht muss dann nicht weiter Aufmerksamkeit binden. Sie kann aber auch eine Anpassung oder ein neues Ziel vorbereiten. Diese Erfahrungen beeinflussen, was Sie sich beim nächsten Mal zutrauen und wie Sie planen.
Vier Möglichkeiten, die Umsetzung zu unterstützen
Die folgenden Anregungen sind praktische Hilfen zur Selbststeuerung. Wählen Sie gemeinsam mit der gecoachten Person aus, was zur konkreten Hürde passt.
- Aufmerksamkeit gestalten: Benennen Sie vermeidbare Ablenkungen und richten Sie ein geschütztes Arbeitsfenster ein. Trennen Sie Ablenkungen von Informationen, die für eine verantwortliche Entscheidung wichtig sind.
- Bedeutung wachhalten: Erinnern Sie sich daran, wofür Sie das Ziel verfolgen. Prüfen Sie zugleich, ob dieser Grund weiterhin trägt. Ein früherer Vorsatz verpflichtet nicht dazu, gegen die eigenen Werte weiterzumachen.
- Mit Gefühlen umgehen: Nehmen Sie Unsicherheit oder Enttäuschung wahr. Was hilft Ihnen, sich zu sammeln und den nächsten Schritt realistisch einzuschätzen? Eine Pause, ein klärendes Gespräch oder eine Erinnerung an bereits Bewältigtes können geeigneter sein als der Versuch, unangenehme Gefühle wegzudrücken.
- Umgebung verändern: Welche Situationen erschweren die Umsetzung? Können Sie Ort, Zeitpunkt, Materialien oder Absprachen ändern? Prüfen Sie auch, welche Unterstützung fehlt, statt das Problem allein bei der Person zu suchen.
Übung: Vom Ziel zum nächsten überprüfbaren Schritt
Nehmen Sie ein selbst gewähltes, überschaubares Vorhaben und ein Blatt Papier. Planen Sie etwa 20 Minuten. Die Übung ist eine Arbeitshilfe, kein standardisiertes Diagnoseverfahren.
- Standort bestimmen: Notieren Sie Ziel und aktuelle Hauptfrage. Geht es eher um eine Entscheidung, einen Plan, ein Hindernis bei der Umsetzung oder die Auswertung? Bei komplexen Vorhaben können mehrere Phasen gleichzeitig wichtig sein.
- Fünf Fragen beantworten:
- Was könnte Sie daran hindern, Ihr Ziel zu erreichen?
- Welche Informationen könnten Sie vom Ziel abbringen? Welche wären bloße Ablenkung, welche ein berechtigter Anlass zum Umdenken?
- Was können Sie tun, damit Ihre Motivation erhalten bleibt?
- Was unterstützt Ihre Zuversicht oder hebt Ihre Stimmung in Bezug auf dieses Ziel, ohne Schwierigkeiten kleinzureden?
- Welche Situationen, Orte oder Kontexte möchten Sie meiden oder verändern, damit die Umsetzung leichter wird?
- Eine passende Unterstützung wählen: Ordnen Sie die wichtigste Hürde einer der vier Möglichkeiten oben zu. Formulieren Sie eine konkrete Veränderung und klären Sie, wer ihr zustimmen muss.
- Handlung und Prüfpunkt festlegen: Schreiben Sie: „Am … um … beginne ich mit … . Wenn … eintritt, dann … . Am … prüfe ich anhand von …, wie es gelaufen ist.“ Ergänzen Sie einen Grund, bei dem Sie den Plan oder das Ziel erneut prüfen würden.
- Auswerten: Was haben Sie tatsächlich getan? Was hat geholfen? Was lernen Sie für den nächsten Versuch? Entscheiden Sie ausdrücklich zwischen Fortsetzen, Anpassen und Beenden.
Beispiel: Ein Team möchte Besprechungen verkürzen
Beim Abwägen klärt das Team, ob kürzere Treffen wirklich helfen und welche Abstimmungen erhalten bleiben müssen. Beim Planen vereinbart es einen zweiwöchigen Versuch mit klaren Tagesordnungspunkten und einem Zeitrahmen. Beim Handeln erprobt es die Vereinbarung; dringende neue Themen werden nicht ignoriert, sondern bekommen einen geeigneten Platz. Beim Bewerten vergleicht es Dauer und Qualität der Entscheidungen und fragt, wer möglicherweise zu wenig zu Wort kam. Das Ergebnis kann eine Anpassung sein, nicht nur die Entscheidung „Ziel erreicht“ oder „gescheitert“.
Häufige Fragen
Muss ich die vier Phasen immer in dieser Reihenfolge durchlaufen?
Nein. Das Modell beschreibt einen idealtypischen Ablauf. In der Praxis überlappen Phasen, und neue Informationen können eine Rückkehr zu einer früheren Aufgabe erfordern. Es dient der Orientierung, nicht als starre Prozessvorgabe.
Ist ein Planwechsel ein Zeichen mangelnder Willenskraft?
Nicht automatisch. Entscheidend ist, ob Sie lediglich einer Ablenkung folgen oder auf relevante Informationen reagieren. Eine begründete Anpassung kann verantwortlicher sein als unbeirrtes Festhalten.
Was hilft, wenn ich viel plane, aber nicht anfange?
Prüfen Sie zuerst, ob das Ziel wirklich gewählt wurde und die nötigen Bedingungen bestehen. Ist das geklärt, vereinbaren Sie einen kleinen, zeitlich bestimmten Anfang. Wie Sie nach Rückschlägen wieder ins Handeln kommen, behandelt der Beitrag zu Handlungs- und Lageorientierung.
Quelle
Heckhausen, H., & Gollwitzer, P. M. (1987). Thought contents and cognitive functioning in motivational versus volitional states of mind. Motivation and Emotion, 11, 101–120. Die Coachingfragen, das Teambeispiel und der Übungsablauf sind praktische Anwendungen, keine in dieser Studie geprüfte Intervention.
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